Rituale haben, wenn sie sich nach den Bedürfnissen der Menschen richten, in allen Kulturen dieselben Funktionen: Sie helfen dabei, starke Emotionen zu kanalisieren und
auszudrücken, sie überbrücken Sprachlosigkeit und sie reduzieren Angst. Das Begehen von Ritualen in der Gemeinschaft gibt Halt und Sicherheit, weil bewusst wird, dass man nicht alleine ist. Rituale würdigen einen Lebensabschnitt und leiten einen Neubeginn ein.
„Aus diesem Grund gibt es eine tiefe Sehnsucht nach sinnstiftenden Feiern und Ritualen zu allen großen Ereignissen im Leben wie Geburt, Heirat und Tod“, weiß die Ritualberaterin und Ritualleiterin Johanna Neußl. „Gerade im Trauerfall ist es für viele Menschen wichtig, die Abschiedsfeier in Gemeinschaft mit Familie und Freunden begehen zu können. Heute
werden traditionelle Abläufe von Trauerfeiern häufig als starr, unpersönlich und trostlos empfunden – als leere Inszenierungen. Dabei wäre es ja gerade der Sinn von Ritualen,
Leere und Sprachlosigkeit mit etwas zu füllen, das uns in Zeiten des Umbruchs, des Abschieds und des Neubeginns Halt gibt.“
Johanna Neußl ist Sozial- und Gestaltpädagogin, Mediatorin, Moderatorin und systemischintegrative Beraterin. Einen Namen hat sie sich in Österreich allerdings durch ihre Tätigkeit
als Ritualberaterin und -leiterin gemacht. Sie besuchte die Fachschule für Rituale in der Schweiz und ist Gründerin des Netzwerks Rituale Österreich. „Rituale haben in allen Kulturen nicht nur dieselben Funktionen, sondern auch dieselben drei Komponenten“, so die Expertin:
In allen Ritualen geht es immer
- um Abschiednehmen
- um Umwandlung
- und um die Angliederung an etwas Neues.
„Das Bedürfnis nach Abschied wird für viele Angehörige in traditionellen Trauerfeiern nicht mehr ausreichend befriedigt. Der Wunsch nach einem individuell gestalteten Ritual wird von
den Angehörigen zwar wahrgenommen, aber es stehen keine passenden Ideen oder Erfahrungen zur Verfügung“, erläutert Neußl die aktuelle Problematik. Für sie geht es aber nicht darum, traditionelle Rituale oder rituelle Elemente auszurotten und durch neue zu ersetzten. Es geht vielmehr darum, zu verstehen, was seit jeher der Sinn und die Funktion von Ritualen ist: „Wenn man das verstanden hat und weiß, welche Komponenten und Themen wichtig sind, so kann man althergebrachte Rituale wieder mit Sinn füllen, aber auch neue rituelle Elemente, Themen und Symbole erarbeiten und einführen.“ Aus diesem Grund gab es am 15. und 16. Oktober eine österreichische Premiere: Zum ersten Mal fand das Seminar "Dem Abschied Tiefe geben – Abschieds- und Trauerrituale entwickeln und feiern" im TrauerHilfe Krematorium Kramsach in Tirol statt. Ziel des Seminars war es, Berufsgruppen, die an der Schnittstelle zwischen Leben und Tod arbeiten, für die individuelle Gestaltung von Trauerfeiern sensibel zu machen. An diesem ersten Seminar nahmen BestatterInnen und TrauerrednerInnen teil, deren Anliegen es ist, Angehörigen individuell gestaltete Rituale anbieten zu können. Das gemeinsame Erarbeiten des Rituals mit den Angehörigen und die kompetente Ritualleitung waren zentrale theoretische und praktische Inhalte.




