Vom Leben mit dem Tod – Belastungen bei BestatterInnen

Foto: Roland MühlbruggerIch wurde über den Pager der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle mit der Bitte um Rückruf alarmiert. Beim Rückruf wurde mir erklärt, dass es in Bregenz-Lochau einen Bahnunfall gegeben hat, bei dem vier Personen ums Leben kamen, – darunter auch ein Berufskollege, ein Bestatter. Auf meine Frage, um wen es sich handelt, erhielt ich die Antwort: „Vermutlich ist es Manfred P.“ Definitives und Konkretes konnte man mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Man bat mich als Fachvertreter der Vorarlberger Bestatter an die Unfallstelle zu kommen. Dann die Fahrt zum Einsatzort … Unzählige Telefonate, Gedanken an die Situation und: Was erwartet mich? Was ist meine Aufgabe? Was ist zu tun? Kann ich dem gerecht werden? Eine fast über­menschliche Anspannung, ein unvergessliches Ereignis.“
(Christoph Feuerstein, Bestatter aus  Bludenz)

Kurz vor Abschluss der Bergungsarbeiten nach einem tödlichen Bahnunfall versterben der Vorarlberger Bestatter Manfred P. und zwei Polizeibeamte. Paul S. und Wolfgang C. überleben und sind Zeugen, wie ihre Kollegen vom Zug überfahren werden. Der verstorbene Bestatter wird in einem Großeinsatz von seinen Bestatter-Freunden und -Kollegen geborgen. Dass unmittelbar nach so einem Ereignis alles Mitgefühl und alle Unterstützung der Familie des verstorbenen Bestatters gelten, ist klar und selbstverständlich.
Wie geht es aber den Einsatzkräften in solch extremen Einsatzsituationen, wie gehen sie mit Belastungen um? Was bedeutet es für Bestatter, wenn sie Bekannte oder sogar einen Kollegen bergen und versorgen müssen?

Für BestatterInnen ist der Umgang mit dem Tod und den Toten etwas Alltägliches. Als Einsatzkräfte verfügen sie in der Regel über eine Persönlichkeitsstruktur, welche es erlaubt, extreme Ereignisse und Erlebnisse gut zu bewältigen. Darüber hinaus entwickeln Einsatzkräfte eine Reihe von gut funktionierenden Techniken, welche es im Einsatz ermöglichen, Angst, Ekel, Trauer und andere starke und überwältigende Gefühle abzuschwächen bzw. auszublenden. Diese „Abwehrmechanismen“ dienen dem psychischen Schutz, kommen durch meist unbewusste Techniken oder bestimmte Gedanken und Selbstanweisungen in Gang und erlauben es dem Bestatter, sich auf seinen Einsatz zu konzentrieren und handlungsfähig zu bleiben.

Schützende Techniken

  • sich nur auf den zu erledigenden Ausschnitt konzentrieren
  • Umgebung, Stress vermehrende Reize etc. ausblenden 
  • den Toten zunächst als „Leiche“, sprich als Gegenstand, betrachten
  • die Leidensgeschichte ausblenden
  • Humor
  • Luft anhalten, durch die Nase atmen
  • gefühlsregulierende Selbstanweisungen: „Das schaff ich schon, nur ruhig und konzentriert bleiben …!“ Etc.


Der Bestatter holt immer „die anderen ab“, nie sich selbst und dadurch erscheint der eigene Tod weit entfernt. Ein Gefühl von eigener Unverletzbarkeit kann entstehen. Diese Überzeugung ist ebenso psychischer Schutz, der es erlaubt, tagtäglich mit dem Tod zu arbeiten und dabei gesund zu bleiben.

Wenn die Abwehr von Gefühlen gelingt, entsteht bei der Einsatzkraft ein Eindruck von Kontrolle über die Einsatzsituation, von Handlungsfähigkeit, Kompetenz und in diesem Zusammenhang auch ein Gefühl von Sinnhaftigkeit der eigenen Tätigkeit. Das Zusammenspiel dieser Aspekte mit der erhöhten Leistungsfähigkeit, die durch den Einsatzstress entsteht, kann sogar ein Glücksgefühl während oder nach dem Einsatz verursachen, weil der Einsatz grundsätzlich als sinnvoll und erfolgreich bewertet werden kann.
Einsatztätigkeit wird also prinzipiell positiv erlebt und dieses positive Erleben ist natürlich sehr wichtig für den Selbstwert, die Motivation und die seelische Gesundheit der Einsatzkräfte.

Belastende Einsätze
Es gibt Einsätze, bei denen die genannten Schutzmechanismen leicht außer Kraft gesetzt werden, weil es für den Bestatter nicht mehr möglich ist, die nötige professionelle Distanz zum Geschehenen einzuhalten. Folgende Einsatz-Arten bergen das Risiko der Traumatisierung für den Bestatter:

  • Einsätze mit vielen Toten und Verletzten
  • Einsätze mit toten/verletzten Kindern
  • Einsätze mit toten/verletzte Kollegen
  • Einsätze mit persönlicher Bekanntschaft des Opfers
  • Einsätze mit starker Identifikation mit dem Opfer oder dem Ereignis
  • Einsätze mit Bezügen zur eigenen Biographie
  • Einsätze, bei denen das Leben/die Gesundheit des Bestatters bedroht wird
  • Einsätze mit starkem Medieninteresse


Derartige Einsätze können meist nicht mehr positiv und nicht mehr als persönlicher Erfolg erlebt werden: Die Abwehr von belastenden Gefühlen funktioniert nicht mehr, Angst, Entsetzen und Trauer brechen durch und die Überzeugung, dass der Tod „die anderen trifft, nicht aber mich“, entpuppt sich als Illusion.

Der Bestatter erlebt sich der Situation und den eigenen Reaktionen gegenüber hilflos und verspürt eine innere Lähmung, Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit verbunden mit Schuldgefühlen. Traumatisierung, akute oder auch verzögerte Belastungsreaktionen können die Folge sein. Das sind an sich normale Reaktionen nach besonderen Belastungen, aber sie schränken das Wohlbefinden und die Arbeitsfähigkeit ein, denn Schlafstörungen, Albträume, Nervosität, Vermeiden von ähnlichen Situationen und schwer kontrollierbare Gedanken oder Bilder, die durch alltägliche Gegenstände, Geräusche oder Gerüche ausgelöst werden und an das traumatische Ereignis erinnern, sind äußerst belastend.

Vor allem bei lang anhaltenden Belastungsreaktionen ist professionelle Hilfe angesagt. Auch diese so genannten „posttraumatischen Belastungsreaktionen“ sind noch normale Reaktionen, also noch nicht krankhaft. Die Gefahr ist allerdings groß, dass die Symptome chronisch und krankhaft werden.

Stressverarbeitung für Einsatzkräfte nach belastenden Einsätzen

Stressverarbeitungsmaßnahmen (SVE-Maßnahmen) sind an den jeweiligen Einsatz angepasste einfache Maßnahmen, die dazu beitragen, HelferInnen wieder einsatzfähig zu machen und die genannten Belastungsreaktionen so gering wie möglich zu halten. Sie dienen der Stabilisierung der Situation nach einem belastenden Einsatz, der Mobilisierung von Ressourcen bei betroffenen Einsatzkräften, der Normalisierung der Belastungsreaktionen und der raschen Wiederherstellung ihrer Einsatzfähigkeit.

Die wichtigsten SVE-Maßnahmen für Einsatzkräfte

Vorbereitung auf kritische Ereignisse durch Schulungen und Trainings.

Individuelle Krisenintervention
Einzelgespräch mit dem betroffenen Helfer während des Einsatzes durch kollegiale KrisenhelferInnen (Peers), die nicht selbst am Einsatz beteiligt sind, oder NotfallpsychologInnen.

Maßnahmen in der Gruppe im Anschluss an den Einsatz

  • gemeinsames Essen, Getränke: zur Entspannung und zur Stärkung der Gruppe als Auffangnetz
  • Zusammenfassung, Ordnung und Strukturierung der wichtigsten Fakten: Information und Struktur geben Sicherheit und wirken entlastend und Stress reduzierend
  • Informationen über mögliche psychische Reaktionen 
  • Erklären, dass diese Reaktionen „normal“ sind
  • Hinweise zur besseren Bewältigung/Verarbeitung des Ereignisses

Tipps zur Stressreduktion
Strukturierendes Gespräch in der Gruppe zur Entlastung und Stabilisierung: Gedanken, Gefühle, Reaktionen der einzelnen Einsatzkräfte gemeinsam besprechen und bearbeiten
Angebot weiterführender Unterstützung an die einzelnen Einsatzkräfte bei Bedarf

Nachsorge, Überweisung
Wenn posttraumatische Belastungsreaktionen auftauchen, ist professionelle psychologische Hilfe sinnvoll, um die Bewältigungsarbeit zu unterstützen und die Symptomatik rasch in Griff zu bekommen. Wer psychologische Hilfe in Anspruch nimmt, ist nicht „gestört“ oder „verrückt“. Dass man in belastenden Berufen Belastungs­­symptome entwickeln kann, ist – wie gesagt – eine „normale“ Reaktion darauf. „Verrückt“ ist eine Einsatzkraft auch dann nicht, wenn sie durch Berufsbelastung tatsächlich psychisch erkrankt und deshalb professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Sie ist krank und lässt sich helfen. „Verrückt“ wäre es, sich im Krankheitsfall nicht helfen zu lassen.

SVE-Maßnahmen für BestatterInnen in Österreich?

Dass BestatterInnen, wie alle anderen Einsatzkräfte auch, traumagefährdet sind, wurde bisher meist übersehen. Kriseninterventionsteams (KIT) und Notfallpsychologen bieten Stressverarbeitungsmaßnahmen mittlerweile fast allen HelferInnen und Einsatzkräften an, sehr selten aber den BestatterInnen. Dabei müssen BestatterInnen näher an Tote heran als sonst jemand. Körperkontakt lässt sich bei der Bergung und Versorgung nicht vermeiden und durch die Regelung und Organisation von Abschiednahmen und Bestattung sind sie unmittelbar mit den trauernden Hinterbliebenen und mit „der ganzen Leidgeschichte“ konfrontiert.

Seit September 2005 gibt es die Praxis für Thanatologie&Trauerarbeit (PFTT) als Fachabteilung der TrauerHilfe Bestattungen. Neben dem Angebot der modernen Verstorbenenversorgung und der Abschiedsbegleitung haben wir es uns auch zur Aufgabe gemacht, die bekannten Formen der SVE-Maßnahmen dem Berufsbild des Bestatters und dem jeweiligen Einsatz anzupassen und entsprechende Interventionen für die MitarbeiterInnen der TrauerHilfe-Bestattungen anzubieten.

SVE-Maßnahmen für die Bestatter beim Zugunglück von Lochau

Es war selbstverständlich, dass am Unglückstag alle TrauerHilfe-Bestatter Vorarlbergs zusammenhalfen, um den verstorbenen Kollegen zu bergen. Bei diesem Einsatz fielen mehrere Risiko-Faktoren einer Traumatisierung der Einsatzkräfte zusammen:

Beim Einsatz mussten 3 tote Einsatzkräfte geborgen werden, ein Toter war Berufskollege und Freund.
Dadurch konnte bei den Einsatzkräften mit einer starken Identifikation mit den Opfern und der Familie gerechnet werden, es gab Bezüge zur eigenen Biographie als Bestatter und persönliche Betroffenheit und Trauer, weil der Tod eines Kollegen natürlich auch beim Bestatter Trauergefühle auslöst.
Unser Einsatz im Rahmen des Zugunglücks von Lochau betraf alle Kompetenzen und Angebote der PFTT –  und nicht zuletzt uns selbst.

Wir waren zuständig für die Versorgung des verstorbenen Manfred P. und für die Begleitung der Familie P. bei der Abschiednahme vom Verstorbenen. Wolfgang C., der überlebende Bestatter und Schwager des Verstorbenen, bekam besondere Betreuung unmittelbar nach dem Unglück und nachhaltige längerfristige Begleitung.
Sehr wichtig war es uns aber auch für die an der Bergung beteiligten Kollegen, passende Stress-Verarbeitungs-Maßnahmen anzubieten. Daher wurde am 2. Tag nach dem Unglück ein Treffen organisiert, bei dem wir SVE-Maßnahmen durchführten. Wichtig war uns dabei, die möglichen Belastungsreaktionen zu „normalisieren“ und Tipps zur Stressreduktion zu geben.

Nach dem Informationsblock zu Belastungsreaktionen und Bewältigungsmaßnahmen organisierten die Bestatter gemeinsam ihren Beitrag für den Abschied von Manfred P. Eine Todesanzeige wurde verfasst, der Ablauf der Beerdigung bzw. die Rolle der einzelnen Kollegen beim Abschied wurden beschlossen und ein Unterstützungsangebot an die Familie P. wurde formuliert.

Nach der Versorgung von Manfred P. und der Betreuung der Bestatter fuhren wir nach Innsbruck zurück. Auf der Heimfahrt wurde uns das Knallen von Feuerwerk bewusst. Es war Silvester. Von einem Glücksgefühl nach diesem Einsatz waren wir weit entfernt; keine Lust auf Party. Den Abend verbrachten wir bei Fondue in gedämpfter Stimmung ganz unter dem Eindruck der Ereignisse von Lochau, die auch an uns nicht spurlos vorübergingen.

In Gedenken an Manfred P., Bestatter in Bregenz, der bei den Bergungsarbeiten nach einem Zugunglück in Lochau, am 29. Dezember 2006 aus dem Leben gerissen wurde.

Markus Ploner & Christine Pernlochner-Kügler

Termine Österreich

Wien

Meditative Tänze der Trauer und des Trostes

Trauertänze sind eine Ausdrucksmöglichkeit bei Veränderungen, Trauer oder Verlust. Die fließenden Bewegungen dieser einfachen Kreistänze können in schwierigen Lebenssituationen zur Lösung und Heilung beitragen..

Termine 2012: 19. April., 24. Mai., 28. Juni.

jeweils 19.30 - 20:30 Uhr Stephansplatz 6, Stiege 1/6. Stock, 1010 Wien

– keine tänzerischen Erfahrungen erforderlich –

Um einen freiwilligen Unkostenbeitrag von € 6,--/Abend wird gebeten!

Alle Infos: Caritas Wien - Kontaktstelle Trauer


Allgemein

Feriencamps für Kinder in stürmischen Zeiten

RAINBOWS Feriencamp für trauernde Kinder im Sommer 2012:

Die Kosten von 310€ beinhalten Unterkunft mit Vollpension und „Rund-um-die-Uhr-Betreuung“.

Anmeldungen und weitere Informationen:

RAINBOWS-Österreich, Theodor-Körner Straße 182, 8010 Graz, Tel: 0316/688670, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können. , www.rainbows.at


Niederösterreich

7. Trauerwandertag

von Altruppersdorf nach Poysdorf

Samstag 14. April. 2012, 15 Uhr, Treffpunkt: Lourdesgrotte in Altruppersdorf

Weitere Infos und Anmeldung zu diesem kostenlosen Angebot: Trauerwandertag Detailinfos (PDF)


Niederösterreich

Wandertage für trauernde Menschen

Termine 2012:

Samstag 25. Feb. Lobau
Samstag 24. März Stockerauer Au
Samstag 28. April Kreuttal
Samstag 2. Juli Lainzer Tiergarten

Treffpunkte, Uhrzeiten und weitere Infos: Trauerwandertage Detailinfos (PDF)

http://www.caritas-wien.at/hilfe-einrichtungen/pfarr-caritas/kontaktstelle-trauer


Wien

Gesprächsgruppe für junge erwachsene Menschen

"...die Zeit heilt nicht alle Wunden..."

Gesprächsgruppe für junge erwachsene Menschen, die den Vater, die Mutter, eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben durch Tod verloren haben

Termine im 1. Halbjahr 2012: 29. Feb. 2012, 28. Mrz. 2012, 25. Apr. 2012, 30. Mai 2012

jeweils 1830 bis 2030 Uhr, Blutgasse 1, 1010 Wien

ein freiwilliger Unkostenbeitrag von € 5,- wird erbeten

Alle Infos: Caritas Wien - Kontaktstelle Trauer


Niederösterreich

Raum und Zeit für meine Trauer

In der Trauer lebt die Liebe weiter...

Offene Trauergruppe für das Weinviertel

Termine 2012: 12. Jän., 2. Feb., 8. Mrz., 12. Apr., 10. Mai, 14. Jun. 2012

jeweils Donnerstag 19.30 - 21:00 Uhr Bildungshaus Schloss Großrußbach, 2114 Großrußbach, Schlossbergstrasse 8

Freiwilliger Unkostenbeitrag von EUR 10,- pro Abend erbeten.

Alle Infos: Caritas Wien - Kontaktstelle Trauer


Niederösterreich

Begleitende Selbsthilfegruppe für Angehörige nach einem Suizid

Die Trauer der Hinterbliebenen.

Termine 2012: 16. Feb., 15. Mrz., 12. Apr., 10. Mai, 28. Juni, 27 Sep.

jeweils 19.30 - 21:00 Uhr Bildungshaus Schloss Großrußbach, 2114 Großrußbach, Schlossbergstrasse 8

Teilnahmebeitrag EUR 5,- bis EUR 7,- pro Abend in Selbsteinschätzung (Ermäßigung auf Anfrage möglich)

Alle Infos: Caritas Wien - Kontaktstelle Trauer


Tirol

Trauer für verwaiste Eltern (Osttirol)

jeden 4. Donnerstag/Monat,19.30 Uhr, Eltern-Kind- Zentrum Lienz


Tirol

Tirol: „Trau dich zu trauern, Mann!“ - Wochenende für Männer im November

Infos: http://www.dioezese-innsbruck.at/index.php?id=7&detail=50008456&portal=60


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