Morgens um acht treffen sie ein. Im kleinen Hinterzimmer, ausgestattet mit einer Küchenzeile. Sie trinken eine Tasse Kaffee, besprechen den Tag. „Das ist obligat bei uns“, sagt einer der drei Bestatter, die ich an diesem sonnigen Herbsttag kennen lerne. Was sofort auffällt, das sind die freundlichen Gesichter: offen, sympathisch, ja fröhlich. Kenn ich so gar nicht in meinem Alltag. Tone ist neu im Team. Arbeitet gerade eine Woche im Unternehmen. „In den Monaten davor durfte ich einige Tage schnuppern“, erzählt er, „um abzuklären, ob das wirklich etwas für mich ist“. Dieses „das“ bezeichnet einen Beruf am Schnittpunkt zum „Dort“.
Gespannt bin ich, was in den kommenden Tagen auf mich zukommt. Als Bestattergehilfe soll ich arbeiten, um darüber schreiben zu können. „Dann weißt du, wovon du berichtest“, sagt Josef lächelnd. Was geschieht mit uns, wenn wir tot sind, davon erhoffe ich mir Antwort an diesem Morgen um acht, im Hinterzimmer, bei einer Tasse Kaffee.
Zunächst also machen wir einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des Bestattungsunternehmens. Neben den Büroräumen, den Besprechungszimmern, dem Schauraum und der kleinen Küche gibt es zwei Lager, eine Garage. Sie zeigen mir einen kleinen Raum im Keller. Kleinteile versammeln sich dort. Da stehen Kerzen neben Miniatur-Urnen, in denen ein kleiner Teil der Asche mit nach Hause genommen werden kann. Da versammeln sich Brief- und Kopierpapier neben Kaffee und Sahneflaschen. Im hinteren Abschnitt des Raumes stehen alte Ordner.
Mein Danach. Daneben ein akribisch in Tücher und Folie gewickelter Sarg. Darauf eine Uniform. Josef erzählt von einem Mann, der vor drei Jahren im Geschäft aufgetaucht sei. Tief gebräunt, bei bester Gesundheit. Er habe gesagt, er wolle einen Sarg kaufen. Aus Zirbenholz, an den Kanten „gezinkt“, nicht auf Gehrung geschnitten. Ein exklusives Modell, eigens für ihn hergestellt. Man sei seinem Wunsch nachgekommen. Irgendwann hatte der Mann die Uniform vorbei gebracht. In der wolle er begraben werden. Davor wolle er in seinem Wohnzimmer bei offenem Sarg 24 Stunden aufgebahrt werden, den Blick durch den Wintergarten hinaus auf einen geliebten Berg gerichtet. Dann möge man den Sarg verschließen. Die Verwandtschaft sei instruiert, wisse, wo genau er liegen wolle. Nach Schließung des Sarges sei ihm egal, was mit ihm passiere.
„Das ist gar nicht so leicht“, sagt Ricco, „dass man jemanden 24 Stunden aufbahren kann“. Ich werde später erfahren, weshalb. Der Mann habe sich immer wieder davon überzeugt, dass der Sarg da sei. „Sein letzter Besuch liegt jetzt ein halbes Jahr zurück“, sagt Josef und ich höre in seiner Stimme, dass es etwas zu bedeuten hat. Ich frage, wie es sei, wenn man einen Verstorbenen zu Hause abholen müsse. „Das Gefühl für die Situation ist sehr wichtig“, sagt Ricco.„Wenn wir jemanden abholen, dann müssen wir vor allem Rücksicht auf die Angehörigen nehmen. Sie sind das Wichtigste“.
Verstorben. Das Telefon klingelt. Ich höre Josef „mein Beileid“ sagen. Er hört zu. Dann meint er, er habe ein paar Fragen. Zunächst wolle er den Namen der Verstorbenen wissen. Dann die Adresse. Ein kleines Dorf. Verstorben. Heute. 13.55 Uhr. Arzt. Totenbeschau. Josef erklärt der Anruferin, dass man vor allem Zeit habe, niemand habe Eile. Ganz ruhig erklärt er den nun folgenden Ablauf. Klärt die Anruferin auf, dass sie selbst entscheiden könne, wann die Verstorbene abzuholen sei. Das könne gleich geschehen, aber man könne sie auch über Nacht im Haus belassen. Ich höre, dass es sich um eine Feuerbestattung handeln wird. Überführung ins Krematorium. Urnenbeisetzung. Während des ganzen Gespräches klingt alles Gesagte ruhig und gelassen, Josefs Tonfall vermittelt das Gefühl, hier gut aufgehoben zu sein. Es wird festgelegt, dass die Verstorbene um 20 Uhr abgeholt wird.
Abholung. Es ist dunkel geworden, hat zu regnen begonnen. Kurz vor acht. Pünktlich fahren wir los. „Pünktlichkeit“, sagt Josef, „ist ausgesprochen wichtig. Wenn die Verwandten wünschen, dass man um acht Uhr abends kommt, dann sind wir um acht Uhr abends auch da“.
Die Seitengasse ist schmal, stockdunkel. Am Ende ein kleines Einfamilienhaus. Die Transportliege bleibt im Bus zurück. „Zuerst orientieren wir uns“, sagt Josef, „wir haben keine Eile“. Klingeln. Eine kleine Frau öffnet uns, verweinte Augen. Wir geben uns die Hand. Ein Mann kommt dazu. Die Frau geht voraus. Leise gehen wir durch einen Flur, biegen scharf rechts ab, hinein in eine Küche. In Gedanken gehe ich den Weg mit der Liege in der Hand. Wie wird es sich ausgehen? Kommen wir um die Ecken, ohne die Trage hochzustellen?
Unmöglich. Hinter der Küchentür, ganz scharf links, führt ein schmaler Durchgang in einen kleinen Raum. Dort liegt sie. Eine Kerze brennt, auf einem Sideboard eine kleine Lampe. Zu ihren Füßen steht die Frau, die uns geöffnet hat. Sie schnieft. „Ja, da liegt sie“, sagt die Frau, „meine Mama“. Pflegebett. Die Hände gefaltet. Eingebundener Rosenkranz. Dazu eine rote Rose. Der Krankenpflegeverein muss da gewesen sein, denke ich. Später werde ich erfahren, dass die Tochter ihre Mutter selbst gewaschen hat. Und Josef wird im späteren Gespräch über diese Abholung bestätigen, dass alles sehr schön gerichtet war, dass diese Situation vorbildlich gewesen sei.
Eine junge Frau kommt dazu. Ich vermute, die Enkeltochter. Auch sie weint, als sie die Verstorbene im Pflegebett sieht. Wir holen die Trage. Der Mann meint, wir sollten durch die Terrassentür hinaus in den Garten gehen. „Nein, nein“, sagt Josef, „wir können durchs Haus gehen. Das machen wir schon“. Immer wieder berührt die Frau ihre Mutter, streichelt ihr über die Stirn. „So“, sagt sie, „jetzt ist es so weit, gell?“.Wir legen die Trage neben das Bett. Am Nachmittag bin ich den Ablauf mit Ricco durchgegangen. Um nichts falsch zu machen. Trage auf den Boden. Sack öffnen, Seitenteile ausbreiten. Tragegurte öffnen und lang ziehen. Dann auf Josef achten. Wenn er die Verstorbene anhebt, auch anheben. Als wir es tun, berührt die Frau neben mir ein letztes Mal die Beine ihrer Mutter. „Jetzt ist es so
weit“, wiederholt sie flüsternd. Ich spüre, dass sie weint. Positioniere die Beine in die kleine Vorrichtung am Fußende der Liege. Dann das weiße Tuch, so, wie nachmittags geübt: gemeinsam mit Josef über die Verstorbene ausbreiten. Das Tuch seitlich unter die Verstorbene schieben. Tragegurte fixieren, ganz leicht, ganz sanft. „Nicht strammziehen“, erklärte mir Ricco in der Garage, „das braucht es nicht“. Dann schließen wir die blaue Hülle.
Alles läuft still, sanft, fast gleitend ab. Während wir arbeiten, stehen die Angehörigen neben uns. Alle schweigen. Der Mann öffnet die Terrassentür. „Gehen Sie durch den Garten“, wiederholt er. „Sie hat den Garten sehr gemocht.“ Wir heben die Liege an. Ich gehe rückwärts. Hinaus ins Dunkle. Taste mich langsam vor, um nicht zu fallen. Ja nicht fallen! Der Mann seufzt, berührt den Sack auf unserer Trage. Flüstert immer wieder den Namen der Verstorbenen. Im Bus sage ich zu Josef, es sei alles sehr schnell gegangen. Obwohl wir uns bemüht haben, langsam durch den Garten zu gehen. „Ja“, sagt er, „wenn alles gut vorbereitet ist, dann geht es ziemlich rasch“.Wir fahren ins Krankenhaus, lagern die
Verstorbene um. Unsere Bewegung gleitend wie zuvor in dem kleinen Zimmer. Keine Erschütterung zu viel. Erste Etappe.
Quelle: Vorarlberger Kirchenblatt www.kirchenblatt.at




