Bei uns herrscht „Sargzwang“, das heißt, dass jeder Leichnam in einem Sarg erd- oder feuerbestattet werden muss. Der Sarg ist für unsere westliche Kultur jenes Behältnis, in das ein toter Mensch gebettet wird, um seine letzte Reise anzutreten. Diese dauert bei uns in den allermeisten Fällen mehrere Tage und hat auch mehrere Stationen: Verstorbene werden vom Sterbeort abgeholt, nicht selten ist eine Obduktion erforderlich, um Todesart und -ursache genau zu bestimmen, danach kommen Verstorbene ins Bestattungsinstitut, werden dann öffentlich aufgebahrt. Sehr häufig kommt der Verstorbene im Sarg dann noch zur Trauerfeier in eine Kriche oder in eine Einsegnungshalle. Schließlich wird er im Kondukt zu seiner letzten Ruhestätte am Friedhof begleitet oder aber ins Krematorium zur Feuerbestattung überführt.
Die Einbettung eines Verstorbenen in einen Sarg entspricht unseren Vorstellungen vom pietätvollen Umgang mit dem Körper, sie hat aber natürlich vor allem auch hygienische Gründe, denn in den Tagen bis zur Bestattung ist mit mehr oder weniger starken Veränderungen durch Fäulnisprozesse zu rechnen. Der Sarg schützt den Verstorbenen im Erdgrab aber auch vor dem Erdreich: Er verhindert, dass das Erdreich den Verstorbenen unmittelbar nach der Beisetzung luftdicht abschließt und die Verwesung verzögert.
Ohne Sarg nach den Regeln des Islam
Der Islam verlangt eine Beisetzung noch am Sterbetag – und zwar ohne Sarg, was bei uns aus behördlichen und - wie beschrieben - auch organisatorischen Gründen nicht möglich ist.
Die islamischen Bestattungsriten schreiben folgendes Vorgehen vor: Der Leichnam wird nach der rituellen Waschung in ein Tuch eingenäht und in einem Erdgrab auf der rechten Seite liegend mit dem Blick nach Mekka beigesetzt. Ein Brett, das über den Verstorbenen gelegt wird, bildet – ähnlich wie bei uns der Sarg - den Schutzraum vor dem Erdreich.
Muslime, die bei uns beigesetzt werden, müssen sich der Sargpflicht fügen und haben meiner Erfahrung nach damit kein Problem, vor allem dann, wenn man ihnen erklärt, dass der Sarg bei uns ihrem Holzbrett entspricht und beides in erster Linie praktische und nicht religiöse Gründe hat. Der Leichnam wird auch bei uns von den Muslimen entsprechend ihren Riten gewaschen und die Körperöffnungen werden verschlossen. Der Tote wird - in weiße Leinentücher eingenäht - in einen Sarg gelegt und unseren Vorschriften gemäß auch im Sarg bestattet. Die Beisetzung erfolgt nicht am Sterbetag, sondern meist Tage später. Das ist keine Schikane, das hat gute Gründe: In vielen Bestattungsgesetzen gilt die 48-Stunden-Regel: Das heißt, dass ein Verstorbener an sich erst 48 Stunden nach Feststellung des Todes beigesetzt werden darf, es sei denn die zuständige Behörde genehmigt eine Beschleunigung oder eine Verzögerung.
Im 19. Jahrhundert wurde auch bei uns häufig schon am Sterbetag oder am darauffolgenden Tag beigesetzt. Das hatte durchaus hygienische Gründe, denn der Verstorbene wurde ungekühlt im Wohnhaus aufgebahrt. Die Angst vor dem Scheintod und die Möglichkeit Verstorbene in Leichenhallen oder Totenkapellen außerhalb des Wohnhauses aufzubewahren, um sicher zu gehen, dass der Mensch wirklich tot war, führten zur zeitlichen Hinauszögerung der Bestattung. Heute können Mediziner den Tod bereits wenige Stunden nach dem Versterben sicher feststellen, das ist überhaupt kein Problem und die Angst vor dem Scheintod ist somit unbegründet. Dass Verstorbene heute erst 3 bis 7 Tage oder später nach Eintritt des Todes bestattet werden, hat vor allem organisatorische und psychologische Gründe:
- Es dauert oft einige Tage bis der Verstorbene zur Bestattung freigegeben ist. Das ist z.B. dann der Fall, wenn eine Obduktion angeordnet wird.
- Die Familie lebt verstreut und es braucht Zeit, bis sich alle zur Trauerfeier einfinden können.
- Angehörige haben mehr Zeit sich zu verabschieden und eine ihren Bedürfnissen entsprechende Trauerfeier vorzubereiten. Wir wissen heute, dass Abschiednehmen Zeit und Ruhe braucht und die fehlt, wenn ein Mensch binnen weniger Stunden beigesetzt wird.
Ich kenne Muslime, die nach dem Verlust eines nahen Angehörigen, vor allem eines Kindes nicht die Möglichkeit hatten, sich in Ruhe zu verabschieden, weil alles schnell gehen musste. Die Auswirkungen zeigen sich oft erst Monate nach dem Tod in pathologischen, also krankheitswertigen Trauerformen. Die Betroffenen haben zunächst Schwierigkeiten den Verlust zu realisieren, was das Aufbrechen gesunder Trauer blockiert. Später zeigen sich massive Schuldgefühle, posttraumatische Belastungsreaktionen und häufig entgleist der Trauerprozess dann in schwere Depressionen. Muslimischen Frauen wird der Abschied und das Realisieren oft noch zusätzlich erschwert, da es Tradition ist, dass nur die Männer an der Beerdigung teilnehmen. Gerade beim Tod von Kindern stelle ich fest, dass diese Tradition zum Glück aufweicht und die Frauen immer häufiger auch an der Beerdigung teilnehmen.
Traditionen, Regeln und Riten geben an sich Halt und Struktur, somit haben sie wichtige Funktion innerhalb einer Kultur. Mitunter bedeutet die Veränderung und Aufweichung von starren Regeln aber Verbesserung. Gerade im Umgang mit dem toten Körper eines Menschen haben viele alte Vorschriften und Traditionen keinen unmittelbar religiösen Ursprung, sondern einen praktischen. Wenn wir heute noch "etwas Praktischeres“ entwickelt haben, das für Angehörige und deren Trauerarbeit besser ist, sollte keine Kultur stur am Alten festhalten.




