Wer kennt das Märchen der Frau Holle nicht? – Die Frau, die mit großen, schiefen Zähnen die Betten macht und dann schneit es auf der Erde. Man kommt zu ihr, indem man in einen Brunnen fällt und findet sich auf einer Wiese mit einem jammernden Apfelbaum und einem Ofen voller sprechender Brote … Das ist doch ein komisches Märchen, das die Gebrüder Grimm da aufgeschrieben haben? Wie kommt man denn auf so eine abstruse Geschichte? Gut …, dass die fleißige Marie belohnt und die Pech-Marie, das faule Ding, bestraft werden, das ist ja noch nachvollziehbar, aber das ganze Drumherum dieser Geschichte ist doch total seltsam und an den Haaren herbeigezogen, oder?
Wer oder was ist diese "Frau Holle"?
Im Volksglauben und in der deutschen Sagenwelt spielten mythologische Gestalten wie die „Weiße Frau“ trotz der Christianisierung weiterhin eine große Rolle. Die Weißen Frauen gehen auf die Jungsteinzeit und später auf die germanische Gottheit Nerthus zurück. Nerthus war geschlechtslos und symbolisierte Fruchtbarkeit, Ernte, Geburt und Tod. „Weiße Frauen“ wurden in der Jungsteinzeit Verstorbenen als Begleiterinnen in Form von kleinen Statuetten mit ins Grab gegeben.
Zwei Sagengestalten als Weiße Frauen im deutschsprachigen Kulturkreis
Frau Holda, Holla oder Holle und Frau Perchta: Beide sind Weiße Frauen aus der deutschsprachigen Sagenwelt. Sie sind "Göttinnen der Regeneration und Wandlung" und repräsentieren Nerthus aus der germanischen Mythologie. Sowohl Holla als auch Perchta stehen für den Zyklus von Geburt und Tod, sind die Göttinen der Hausfrauen und der Hausarbeit, Schirmherrinnen der Weber und Spinner und nehmen sich vor allem der Kinderseelen an: Die Kinder kommen aus ihren Brunnen oder Seen auf die Welt. Wenn ein Kind stirbt, kehrt es über den Brunnen oder das Gewässer zurück und die Weiße Frau nimmt es mit in ihren Garten, in dem es schöner ist als auf der Welt. Dort gibt es Äpfel und Gebäck. An zahlreichen Teichen und Seen in Deutschland, Österreich und der Schweiz wurden Holla oder Perchta verehrt und sie galten als Orte der Fruchtbarkeit. Ein Bad in ihnen sollte Kindersegen bringen.
Der Holunder - auch Holler genannt - gilt als Pflanze, die der Frau Holle geweiht ist. Möglicherweise stammt sogar sein Name von ihr. Er wurde bis vor einigen Jahrzehnten noch als "Sitz der Ahnen" verehrt. Jedes Haus hatte seinen Hollerstrauch, der niemals abgeholzt werden durfte und beim Vorbeigehen gegrüßt wurde. Lange hielt sich der Brauch, dass Männer ihre Hüte zogen, wenn sie bei einem Hollerstrauch vorbeigingen.
Frau Perchta kommt in der „Perchtennacht“ - der letzten Rauhnacht - in der Nacht vor dem Dreikönigsfest und nimmt in dieser Nacht die Seelen verstorbener Kinder mit in die Anderswelt, welche mit dem Totenreich gleichgesetzt wurde. Im Zuge der Christianisierung wurde Frau Hollas oder Perchtas "Anderswelt" – der schöne Apfelgarten – zur „Hölle“ dämonisiert, also einem Ort, an den die Heiden und Nicht-Gläubigen kommen und die Dämonen wohnen.
Die beiden Weißen Frauen haben in deutschen Märchen und Sagen unter anderem auch die Rolle der Totenmutter und waren jahreszeitlich dem Winter zugeordnet. Im Winter schläft die Natur und ruht. Die Perchtennacht ist die Nacht vom 5. auf den 6. Jänner, in der der Kampf des Lichtes gegen die Dunkelheit gewonnen wird. Perchta und Frau Holle waren ursprünglich positiv besetzte Figuren. Als Weiße Frauen standen sie von Beginn der Christianisierung dem schwarzen Tod gegenüber. Im deutschsprachigen Sagenraum gibt es zahlreiche Trostmärchen für Mütter verstorbener Kinder. Nach und nach verändert sich die Rolle der Weißen Frauen aber ins Negative: Sie werden zu schönen Weißen Frauen, die Kinder ins Jenseits locken und entführen. Schön langsam vermischt sich ihre Rolle mit der der Hexen: Die Frau Holle bekommt furchterregende schiefe und große Zähne und aus der schönen Weißen Frau wird die böse bucklige Hexe, die in den Rauhnächten zwischen Weihnachten und Dreikönig ihr Unwesen treibt und Kinder holt.
In der Zeit der Rauhnächte, zwischen 23. Dezember und 5. Januar, muss die Hausarbeit ruhen, denn da soll Holle/Perchta zur Erdoberfläche aufsteigen, um nachzusehen, wer das Jahr über fleißig oder wer faul war. Wer keine Wäsche hängen hat, war das ganze Jahr fleißig, kann sich ausruhen und wird belohnt. Wer faul war, muss auch jetzt arbeiten und wurde bestraft: Die Frau hat Pech. Frau Holle nahm ein Kind mit.
In manchen Gegenden gab es den Brauch, einen Strauch (den Hollerstrauch?) mit Stoffbädern (Wäsche) zu behängen, um der Holla oder Perchta anzuzeigen, dass hier eine (verstorbene) unschuldige Seele mitzunehmen sei.
In Italien erscheint in der Nacht vom 5. auf den 6. Jänner Befana, ein weiblicher Dämon bzw. eine Hexe des italienischen Volksglaubens und gilt als Parallelgestalt der alpenländischen Perchta. Befana hat von den Hirten die Frohe Botschaft gehört. Da sie jedoch zu spät aufbrach, verpasste sie den Stern und das Jesuskind und ist nun auf der Suche nach ihm. Sie fliegt auf einem Besen suchend von Haus zu Haus, bringt Geschenke oder bestraft und spukt herum. Heute gilt sie heute in Italien in erster Linie als Gute Fee.
Wie konnte aber aus Nerthus, dem guten „Mutterschoß Erde“, aus dem alles kam und wieder zurückkehrte, der "böse männliche" Tod werden?
Im Christentum wurde ein männliches Gottesbild eingeführt: Nicht mehr Nerthus war die (in der Mythologie ursprünglich geschlechtslose) Gottheit Erde, sondern Gott Vater war der Schöpfer der Welt. Der schickte seinen Sohn – auch ein Mann – und auch der Hl. Geist wird eher als männliche denn als weibliche Taube vorgestellt. Im Christentum herrschen die Männer. Alles was mächtig war, wurde männlich. Der Tod ist mächtig, also wurde auch er männlich. „Heidnische“ Göttinnen, Mythen, Sagen und Riten wurden ausgerottet, dämonisiert oder aber in christliche Heilige, Legenden und Rituale umgewandelt. Insgesamt bekommt der Tod in unserem Kulturkreis also ab dem 12. Jahrhundert eine männliche Rolle. Während die weiblichen Todesfiguren den Tod noch positiv besetzten und für Geburt, Neubeginn und Verwandlung, für Anfang und Ende standen, wurde der Sensenmann zum nur mehr furchteinflößenden Todbringer und zur reinen Schreckensgestalt. Die Weißen Frauen, Schnitterinnen und Tödinnen verschwanden und es setzte sich der Sensenmann und die Farbe Schwarz durch: Die „Tödin“, die häufig auch als „Schnitterin“ mit einer Sichel und Ähre dargestellt wurde, entwickelte sich zum mächtigen Krieger und die Pest-Epidemien, der „Schwarze Tod“ legten das Bild des allesschlachtenden Sensenmanns nahe.
Am 6. Jänner besucht unsere Selbsthilfegruppe „Trauernde Eltern“ den Achensee. In Eben am Achensee steht das Notburgakirchlein und früher wurde an diesem See „Frau Hertha“ verehrt. Was Frau Hertha, die Hl. Notburga und Frau Holle gemeinsam haben und wie unser Ausflug war, ist im Folgeartikel „Hl. Notburga, Frau Holle von Tirol“ zu lesen.
Quelle und Buchtipp, sehr empfehlenswert!
Erni Kutter: Schwester Tod. Weibliche Trauerkultur, Abschiedsrituale, Gedenkbräuche und Erinnerungsfeste
Außerdem:





