Österreich verliert zwei Meister des Schwarzen Humors innerhalb einer Woche.
Der eine war ein Ruheloser, der andere ein Ruhiger. Der eine sang laut mit rollendem R zu polterndem Klavierspiel, der andere mit einer Märchenonkel-Stimme am liebsten zur Gitarre, gern von Geigen umstrichen oder Hammond-Orgeltönen umschmalzt. Aber beide schrieben sie bitterböse tiefschwarze Lieder.
Am 22. November verstarb der gebürtige Wiener „Tauberlvergifter“ und bekeznnende Anarchist Georg Kreisler im hohen Alter von 89 nach einem bewegten und vielgereisten Leben an den Folgen einer schweren Infektion in Salzburg. Kreisler war begnadeter Klavierspieler , messerscharfer Satiriker und Liedermacher, ein Meister von Sprache, Mimik und Gestik. „Niemand konnte so tückisch, selbstzufrieden und mörderisch grinsen wie Georg Kreisler, wenn er am Flügel den deutsch-österreichischen Spießer mit Abitur spielte. Doch er war ein Anstandsvergifter aus Humanität“, charakterisierte die FAZ Georg Kreisler in einem Nachruf.
„Welches Lied hätte sich Georg Kreisler auf seiner Beerdigung gewünscht?“ Diese Frage fand ich auf Yahoo.com. Gute Frage, aber für mich ist die Antwort ganz klar: Auf Kreislers Trauerfeier wird man ihn fröhlich „Du hast ja noch dein Grab“ schmettern hören.
„Blumig formulierte Zärtlichkeiten konterkarierte er in sanftem Tonfall mit grausamer Realität. Dabei lächelte er das unschuldige Lachen des Überbringers einer schlechten Nachricht“, beschreibt der Standard den Stil von Ludwig Hirsch. Seit seiner Tournée „Vielleicht zum letzten Mal“ im Jahr 2010, wurde über eine schwere Krankheit gemutmaßt. Am 24. November kam die Nachricht von Ludwig Hirschs plötzlichem Tod dennoch sehr überraschend. Betroffen macht vor allem, dass er seinem Leben selbst ein Ende setzte, indem er sich im Wiener Wilhelminenspital aus dem Fenster stürzte. Er litt an Lungenkrebs und sollte im Dezember operiert werden. Ob er wirklich schon länger daran erkrankt war oder ob er den Suizid unmittelbar nach der Diagnose verübte, ist nicht bekannt. Ludwig Hirsch wird in einem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.
„Welches Lied hätte Ludwig Hirsch sich auf seiner Beerdigung gewünscht?", frag ich mich. Ist es „I lieg am Ruckn“ oder ist es der „Schwarze Vogel“? Hat er an dieses Berühmteste all seiner Lied gedacht, als er sich das Leben nahm?
Hirschs und Kreislers Texte und Lieder begleiteten und beeindruckten mich von Jugend an. Als katholisch erzogene, brave Klosterschülerin, die mit einer Mischung aus Heinz Konrads und christlicher Musik aufwuchs, hörte ich "Tauberlvergiften im Park", das Kreisler 1959 geschrieben hatte, erstmals nach der Matura 1989 und war von seiner Bissigkeit und Boshaftigkeit sofort begeistert. Damals ging mir langsam auf, was alles in meiner Welt bisher nicht Platz gehabt hatte bzw. nicht Platz haben hat dürfen. Ich lebte in einer Welt, in der wir "Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer", "Über den Wolken" und "Blowing in the Wind" zu unserem Gitarren-Geschrumme gesungen haben, aber sicher nicht "Tauben vergiften im Park".
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„Geh spuck den Schnuller aus“ war Mitte der 80er Jahre ein Song von Ludwig Hirsch, den ich mit meiner Cousine ganz heimlich angehört habe. Niemals hätten unsere Eltern das erlaubt! Und nur weil sie den Hirsch wahrscheinlich gar nicht kannten, war mein allererstes Konzert eines im Rahmen seiner „Alles Paletti-Tour", das war in der zweiten Hälfte der 1980er. Meine Cousine verführte mich dorthin. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie sie die Erlaubnis dazu bekam. Wie auch immer: Da hörte ich zum ersten Mal „Die Omama“, „Das Geburtstagsgeschenk“, aber auch „Die Gelse“. „I lieg am Rucken“ brachte meine Kindheitsängste vor dem Tod auf den Punkt. Und ich hatte riesengroße grauenhafte Verwesungsängste und Ängste vor den Würmern. Damlas lernte ich von Hirsch, dass man mit Schwarzem Humor Ängste reduzieren kann. Wenn man über den Tod lachen oder schmunzeln darf, dann wird die Furcht ein wenig kleiner oder milder. Heute weiß ich, 3 Meter unter der Erde, da gibt es keine Würmer „die dinieren“, aber das Lied, der Text – es ist trotzdem genial. Keine Zeile würde ich umschreiben.




