Kleine Zeitung - So werden Ängste sicher begraben

Kleine ZeitungFragen zum Tod. Warum es immer eine kindgerechte Antwort gibt, scheinbar tröstliche Bilder Angst machen können und Ehrlichkeit siegt.

DANIELA BACHAL

Tote können sprechen, aber nicht schnell. Sie können gehen, aber nicht laufen. Und sie essen Nutella.“ Meint die fünfjährige Bettina. Ihr Freund Lukas fragt sich, wie man im Sarg eigentlich aufs Klo gehen kann. „Typisch“, sagt die Psychologin und Philosophin Christine Pernlochner-Kügler, die sich auf Thanatologie und Trauerarbeit spezialisiert hat. „Es dauert lange, bis Kinder die Tragweite von ,tot‘ erfassen. Bis ins Volksschulalter hinein sind Tote für sie Halbtote, die irgendwie unterirdisch leben“, sagt die Expertin. Eigentlich
tröstlich, diese Welt, die sich Kinder da zusammenbasteln.

Muss man die unbedingt zerstören? Und: Wie erklärt man Kindern überhaupt am besten den Tod? „Grundsätzlich kann man mit jedem Kind altersgerecht über den Tod sprechen“, sagt dazu die Spezialistin. „In dem Moment, wo es einen Trauerfall in der Familie gibt, spürt das das Kind sowieso und reagiert darauf.“ Außerdem gehöre der Tod zum Leben. Wenn Kinder in eine Kultur hineinwachsen, in der das nicht tabuisiert werde, würden sie sich leichter tun, wenn sie später einmal selbst betroffen seien. „Kinder halten auch viel mehr aus als man denkt“, betont die Psychologin und Trauerbegleiterin von Rainbows, Simone Wogg. Dazu gehöre, dass auf alle Fragen zum Thema sachlich und ehrlich
geantwortet wird. Soll heißen: „Mit Sicherheit wissen wir nur, was mit dem Körper nach dem Tod geschieht.“ Vom Rest könne man nur eine Vorstellung haben, Kindern ein Bild geben.

Schreckensbilder


Bilder können freilich auch Angst machen. Pernlochner-Kügler erinnert sich noch gut an einen Buben, dem seine Eltern eingebläut haben, dass der Opa jetzt im Himmel wohne und der daraufhin Schlafstörungen bekommen habe: „Der Opa war übergewichtig, der Bub hat sich vorgestellt, dass ihn das Himmelszelt unmöglich tragen kann, er folglich herunterstürzt und ihn unter sich begräbt.“ Fazit: „Alles, was abstrakt ist, was wir nur andeuten können, bietet den Kindern Projektionsfläche für furchtbare Phantasien.“ Selbst hat das Pernlochner-Kügler bei ihrem elfjährigen Sohn bemerkt, der – ausgelöst durch entsprechende Nachrichten in den Medien wissen wollte, wie ein Toter aussieht, der erst nach drei Wochen gefunden wird.

„Ich hatte im Kindesalter selbst furchtbare Verwesungsphantasien, die wollte ich meinem Kind ersparen und habe ihm deshalb nur gesagt, dass man da nicht mehr ,so schön‘ aussehe. Da hat er mich so erschrocken angesehen, dass ich gleich gemerkt habe, dass er sich jetzt etwas Furchtbares zusammenreimt.“

Die Lösung war Anschauungsunterricht beim Komposthaufen:
„Wie sehen die Dinge hier aus? – ,Stinkig und braun‘, war seine Antwort. – Sie werden wieder zu Erde, so ist das auch mit dem menschlichen Körper. Das war eine sachliche Antwort, und er war zufrieden, und hat nie mehr nachgefragt.“ Eine Frage bleibt: Was geschieht mit dem, was das Wesen eines Menschen ausgemacht hat?
„Die Antworten hängen hier ganz davon ab, welche Familientradition es gibt“, sagen die Expertinnen. „Kinder sollten aber auch so früh wie möglich lernen, dass es Fragen gibt, die man nicht eindeutig beantworten kann.“

Hilfe in schwerer Zeit
Organisationen wie Rainbows bieten Familien nach einem Todesfall Beratung und Begleitung an. Das Angebot orientiert sich an den individuellen Bedürfnissen des Kindes. Details unter www.rainbows.at – Hilfreicher Rat auch unter www.aspetos.at/news/ratgeber/religion/28-umgang-mit-trauernden

Ein Buchtipp: „Wenn Kinder traurig sind – wie wir helfen
können“, von Monika Specht-Tomann, Verlag
Patmos, 15,40 Euro.