Der Mai ist da! Die Bäume stehen in voller Pracht, warm wird es, alles scheint eitel Wonne zu sein, was aber die Wenigsten wissen … der Mai ist auch der Monat, in dem die meisten Suizide begangen werden. Und was auch kaum bekannt ist: In Österreich und Deutschland übersteigt die Suizidrate bei weitem die Zahl der Autounfälle.
In Österreich nahmen sich 2009 laut Statistik Austria 1239 Personen das Leben, 636 starben bei Autounfällen und 866 Personen durch Sturzunfälle. Die Dunkelziffer bei Suiziden ist allerdings hoch, denn häufig werden Suizide durch Unfälle getarnt.
Ein Grund sich gerade jetzt im Frühling diesem Thema zu widmen und auch ein Grund besonders drauf zu achten, wie es den Menschen in unserer Umgebung geht.
Risikogruppen
Die Anzahl der Suizide ist bei Männern doppelt so hoch wie bei Frauen, dagegen begehen deutlich mehr Frauen Suizidversuche als Männer. Männer wählen eher harte Suizidmethoden (Erhängen, Sturz in die Tiefe, Erschießen), Frauen eher weiche (Medikamenten-Intoxikation, Öffnen der Pulsadern). Die Erhebung von Suizidversuchsraten ist allerdings äußerst schwierig, da die Vertuschungsrate hier besonders hoch ist.
Es liegen eindeutige Befunde vor, dass bereits Kinder ab dem 4. Lebensjahr Suizidabsichten haben können und diese auch in die Tat umsetzen. Dennoch kommt Suizid in der Gruppe der 4-10-Jährigen glücklicherweise extrem selten vor. In Deutschland sind es 1 bis 2 Kinder im Jahr. Ab dem 10. Lebensjahr steigt die Rate an, Suizide sind aber auch in dieser Gruppe noch selten. Ein dramatischer Anstieg ist bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren zu verzeichnen. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen gehört der Suizid auch zu den häufigsten Todesarten, da die Mortalität in diesem Alter allgemein sehr gering ist. Sehr stark steigt die Rate bei den über 50-Jährigen an.
Risikofaktoren
Suizide und Suizidversuche gehen sehr häufig mit psychiatrischen Erkrankungen bzw. Symptomen wie Depressionen, Bipolarer Störung, Borderline-Erkrankung, Angststörungen und Suchtverhalten einher.
Zur Gruppe mit dem größten Risiko zählen Männer jenseits der 50, die geschieden, verwitwet oder alleinstehend und arbeitslos sind. Untersuchungen kamen zum Ergebnis, dass Suizide und Suizidversuche zu 80% in Zusammenhang mit Trennungen, drohender Trennung oder sozialer Isolation stehen. Ein Suizid oder ein Versuch ist demnach häufig ein Appell, eine menschliche Bindung wieder aufzunehmen bzw. nicht abzubrechen.
Wie eingangs schon berichtet, sind außerdem die Monate Mai bis Juli Haupt-Risikozeit: Hier wird auch ein erhöhter Anstieg von Depressionen, Suizidversuchen und Suiziden verzeichnet. Eine wissenschaftlich überprüfte Erklärung gibt es dafür allerdings nicht. Denkbar ist, dass das Erwachen der Natur und des Lebens draußen für Menschen, die an Depressionen leiden, besonders krass deutlich macht, dass sie an diesem Leben nicht mehr teilnehmen können, wodurch der Leidensdruck und das Gefühl von sozialer Isolation steigen. Möglich ist auch, dass in der dunklen Jahreszeit die mit der Depression verbundene Antriebslosigkeit so stark ist, dass auch der Antrieb zum Suizid nicht mehr möglich ist. Wenn sich mit zunehmender Helligkeit der Antrieb bei bestehender depressiver Erkrankung wieder verbessert, kann der Wunsch dem Ende ein Leben zu setzen, auch in die Tat umgesetzt werden. Aussagen von Angehörigen, dass Suizide völlig unvorhersehbar verübt wurden, weil es dem Verstorbenen doch gerade eben wieder etwas besser gegangen ist, würden diese These stützen.
Gibt es Vorzeichen?
Erwin Ringel beschrieb in den 50er Jahren nach Untersuchung von 745 Patienten das präsuizidale Syndrom. Das Syndrom umfasst die drei Merkmale Einengung, Aggressionsumkehr und Suizidphantasien, die nach Ringel regelmäßig einer Suizidhandlung vorausgehen.
Einengung: Durch eine psychische Erkrankung oder durch eine krisenhafte Lebenssituation erscheinen dem suizidgefährdeten Menschen die Wahlmöglichkeiten im Leben immer eingeengter. Er ist gefangen in einem Teufelskreis der Negativ-Einschätzung seiner Situation und sieht keine Bewältigungsstrategien mehr, bis letztlich nur der Suizid als Möglichkeit bleibt. Die Einengung kann allein im Denken und Verhalten des Betroffenen begründet und für andere nicht nachvollziehbar sein oder aber auch in der Realität tatsächlich gegeben sein. Dazu kommt ein Mangel an Selbstwert. Der gefährdete Mensch nimmt sich als wert- und nutzlos wahr, als „nicht gebraucht und nicht geliebt“.
Aggressionsumkehr: Aufgrund der frustrierenden Selbstwahrnehmung oder Lebenssituation ist das Aggressionspotential hoch, der Ausbruch wird aber nicht gestattet. Aggressionen und Frustrationen werden extrem lange ausgehalten und gleichzeitig gehemmt, bis sich die Aggression umkehrt: Die suizidale Person richtet die Aggression gegen sich selbst.
Suizidphantasien: Am Ende ergeht sich suizidale Personen in Phantasien, in denen sie tot sind, aber dennoch alles sehen und hören kann, was um sie herum geschieht. Sie sehen sich selbst tot im Sarg liegen und die Angehörigen, die ihren Tod betrauern, heftige Schuldgefühle haben und sich Vorwürfe machen. Endlich bekommen sie Aufmerksamkeit, Anerkennung und Mitleid.
Das Auftreten dieser Merkmale ist immer ein ernstzunehmendes Warnzeichen. Je konkreter die Phantasien über die Art und Mittel des Suizides sind, desto unmittelbarer ist die Gefahr.
8 von 10 Suizidalen kündigen ihren Suizidversuch vorher direkt oder indirekt an. Neuere Studien über Suizidversuche kamen aber zu dem Ergebnis, dass lediglich 4% der Suizidversuche wirklich sorgfältig geplant sind.
Dennoch werden immer wieder Suizide erfolgreich verübt, denen keinerlei Anzeichen vorausgehen:
Ein 17-jähriger junger Mann wirft sich nach einem Streit mit seinen Eltern vor den Zug. Es gab keine Hinweise, keine Vorerkrankung, im Gegenteil: Er galt als lebenslustig und fröhlich. Niemand konnte das verstehen.
Eine ähnliche Vorgeschichte hatte ein 18-Jähriger: Keine Erkrankung, keine Anzeichen, völlig normal, gutes Verhältnis zu seinen Eltern und zu seinem Bruder, er tritt zur Wiederholungsprüfung gar nicht erst an und wirft sich auf dem Weg zur Prüfung vor den Zug. Keinerlei Anzeichen kurz vorher beim Frühstück mit der Familie, kein Streit wegen der Prüfung.
Nicht jedem Suizid geht eine psychische Erkrankung oder traumatische Krise voraus. Mitunter begehen Menschen „aus heiterem Himmel“ – aus einem Affekt oder Impuls heraus – Suizid.
Die Ursache solcher, für die Angehörigen nicht nachvollziehbaren, Suizide wird in einem Serotoninmangel vermutet. Bei einer Studie von Marie Asberg aus dem Jahr 1976 wurde bei 68 depressiven Patienten der Wert des Serotonin-Abbauproduktes 5-HIAA im Liquor gemessen. Niedrige 5-HIAA-Werte gelten seit dieser Untersuchung als Marker für impulsives und (auto)aggressives Verhalten. Folgeuntersuchungen zeigten, dass niedrige Werte dieses Serotoninabbauproduktes auch bei Patienten mit Borderline-Störung, Schizophrenie sowie bei Gewaltverbrechern und Brandstiftern zu messen waren. Ein niedriger 5-HIAA-Wert ist also ein krankheitsunabhängiger Marker für Aggression und Impulsivität. Dies erklärt auch die völlig unerwarteten Suizide, bei denen sich gesunde Menschen zwar in einer Konfliktsituation befinden, der Suizid geschieht aber aus einem Impuls, der für sie offensichtlich nicht mehr steuerbar war und wirkt daher als extreme, aggressive Überreaktion und „völlig sinnlos“.
Hilfe
Suizidversuche basieren meist auf sehr subjektiven Bilanzen des eigenen Lebens und sind fast immer korrigierbar. Bei 90-99% suizidgefährdeter Personen kann die Suizidabsicht in weniger als zehn Tagen Klinikaufenthalt korrigiert werden.
Suizidäußerungen sind immer ernst zu nehmen, in den meisten Fällen handelt es sich um einen Appell an die menschliche Bindung aufgrund von Angst vor Trennung und/oder sozialer Isolation.
Wenn ein Mensch in Ihrer Umgebung von Suizidabsichten oder -phantasien spricht oder Sie den Verdacht haben, dass er sich das Leben nehmen will, dann …
- nehmen Sie das ernst.
- fragen Sie nach, wie konkret seine Absichten sind und warum die Person sich das Leben nehmen will. Scheuen Sie sich nicht konkret danach zu fragen!
- Machen Sie ein Gesprächsangebot, hören Sie zu, auch wenn Sie im Moment keine Lösung anbieten können. Oft hilft suizidgefährdeten Menschen, dass jemand da ist, sich für sie interessiert und zuhört.
- Gespräche sind eine "Erste Hilfe", sie sind allerdings kein Ersatz für professionelle Hilfe.
- Hinterfragen Sie die Hoffnungslosigkeit der Situation. Auch wenn Sie keine Lösung anbieten können, erklären Sie, dass man mit professioneller Hilfe eine Lösung finden kann.
- Häufig suchen suizidgefährdete Personen „lediglich“ eine Lebenspause. Wenn man sie durch einen stationären Aufenthalt aus dem Krisenfeld bzw. der Konfliktsituation herausnimmt, hilft dies in den meisten Fällen, die Suizidgedanken zu korrigieren.
- Erklären Sie, dass es bei einem stationären Aufenthalt nicht darum geht, jemanden „wegzusperren“, sondern ihm eine Pause zu ermöglichen und einen Weg aus der Krise zu finden.
- Ziehen Sie Angehörige oder Freunde hinzu, damit gesichert ist, dass der Betroffene nicht alleine ist.
- Es sollte für eine kurzfristige Therapiemaßnahme gesorgt werden.
- Falls alle genannten Bemühungen nicht ausreichen: Haben Sie keine Hemmungen den Notarzt oder die Polizei zu rufen und eine Klinik-Einweisung anzubahnen: Der Betroffene braucht dringend Hilfe. Lieber einmal zu viel anrufen als einmal zu wenig!
Quellen:
Bronisch, Thomas: Der Suizid. Ursachen, Warnsignale, Prävention. 5. überarbeitete Auflage, (Ch. Beck) München 2007.
http://www.psychologie-info.org/Suizid/suizid.html




