Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 war mein Sohn genau 3 Jahre alt. Ich weiß noch, ich saß bei einer Bekannten im Wohnzimmer und unsere Söhne spielten, als das Telefon klingelte. Die Mutter meiner Bekannten schrie in den Hörer: „Schaltet den Fernseher ein!“und dann kam eine für uns unverständliche Begründung, warum wir das tun sollten. Wir schalteten also den Fernseher ein und sahen zwei Bilder parallel nebeneinander, die wir zunächst überhaupt nicht einordnen konnten: Einmal das brennende Pentagon und daneben ein Flugzeug, das in einen Wolkenkratzer raste. Unsere Kinder sahen natürlich zu. Erst allmählich verstanden wir, was da gezeigt wurde, aber ich konnte es einfach nicht glauben. Ich hatte einen echten Schock. Die Szenen wurden wiederholt, ich rief meinen Mann an und wollte einfach nur nach Hause.
Im Auto schaltete ich das Radio ein, um nichts zu verpassen, mein Sohn saß am Rücksitz angegurtet und hörte alles mit. Ich dachte überhaupt nicht an ihn, ich dachte immerzu: „Scheiße, jetzt bricht ein Weltkrieg aus!“ und bekam echt weiche Knie. Zuhause angekommen, drehte ich den Fernseher auf. Die Szenen wurden immer wieder wiederholt, allmählich wurde das Ganze für mich Realität. Mein Sohn kriegte das mit, es war einfach nicht möglich mich auf dem Laufenden zu halten und ihn außen vor zu halten. Ich war auch der Meinung, dass wir unsere Kinder nicht unter einer Schutzglocke aufziehen können, sie werden dadurch auch nicht widerstandsfähiger. Der Meinung bin heute auch noch, aber nachträglich würde ich doch ein wenig vorsichtiger mit dem Medienkonsum umgehen. Andererseits: Im Ausnahmezustand ist man oft unreflektiert.
Wie auch immer: Mein Sohn zeigte vorerst keine Reaktionen. Erst zwei Monate später begann er damit, mehrmals täglich zwei Türme aus Bauklötzen zu bauen und ließ seinen Matchbox-Flieger durchrasen. Das wurde regelrecht zur Manie, er wiederholte es zwanghaft. Ich dachte: „Oje, das ist jetzt schon ein Zeichen für eine Traumatisierung!“ Das Phänomen ist bei Kindern nämlich als „posttraumatisches Nachspielen“ bekannt. Das ist nicht krankhaft, aber doch ein deutliches Zeichen von Belastung, vor allem aber auch von Bearbeitung des Erlebten. Ich ließ es ihn durcharbeiten, allmählich wurde das Nachspielen dieser Szene weniger und hörte ganz auf. Ein Jahr später planten mein Mann und ich einen 4-Tages-Trip nach Irland und fragten unseren Sohn, ob er mitkommen oder lieber bei den Großeltern bleiben wolle. Erst wollte er mit, als er aber hörte, dass man dort nur mit dem Flugzeug hinkommt, verweigerte die Reise vehement und erklärte, er habe Angst vor dem Fliegen. Für einen Vierjährigen ist das untypisch. Er blieb bei den Großeltern, aber ich merkte, dass er Angst um uns hatte. Nach vier Tagen waren wir wieder glücklich vereint, ein tolles Lego-Spielzeug war die Belohnung für seinen Mut und das Essen bei der Oma war sowieso besser als das Mütterliche.
Einige Monate später kehrten wir von einem Spaziergang um den Lanser See zurück und fuhren hinunter ins Tal. Beim Ausblick auf die Hochhäuser im „Olympischen Dorf“ sagte unser 4-Jähriger plötzlich: „Schau, da drüben ist die USA, das ist da, wo immer die Flugzeuge in die Türme reinfliegen.“ Und da wurde mir das erste Mal bewusst, wie nachhaltig der 11. September 2001 meinen Sohn beeinflusst hat und wie er ihn verstanden hat. Er konnte natürlich nicht verstehen, dass das tausende Kilometer weit weg von uns geschah und die Wiederholung der Sequenz hat er völlig falsch verstanden, er meinte, das passiere dort andauernd. Und das ist für ein kleines Kind natürlich traumatisierend. Wir erklärten ihm, wie es wirklich war. Heute ist er 13 Jahre alt und wir können beide drüber lachen, allerdings weigert er sich immer noch in ein Flugzeug zu steigen.
Nach einem Terroranschlag sind die Medien voll von Berichten. Schon in den ersten Stunden und Tagen werden immer mehr grausame Details bekanntgegeben. Solche Anschläge können wir vor unseren Kindern nicht geheim halten. Sie machen unsere Kinder betroffen, auch wenn wir weit vom Ort des Geschehens entfernt wohnen. Das Ausmaß der Betroffenheit zeigt sich bei Kindern oft erst viel später. Wie also sollen wir mit unseren Kindern umgehen?
Die Grundprinzipien im Umgang mit Kindern sind: Wahrheit, Klarheit und Strukturierung.
Ganz wichtig ist auch, dass dem Kind trotzdem ein Gefühl von Sicherheit vermittelt wird. Das Kind soll klar verstehen, was geschehen ist und was weiter geschieht. Die „halbe Wahrheit“, Lügen oder Geheimnisse führen zu einem Schuss nach hinten. Kinder bemerken, dass etwas nicht stimmt, wenn man vor ihnen etwas verbergen will. Das Kind verliert das Vertrauen, wenn es die Wahrheit zu einem späteren Zeitpunkt erfährt.
- Kinder sollten die Berichte nicht alleine ansehen, sondern gemeinsam mit den Eltern bzw. erwachsenen Bezugspersonen.
- Der Konsum von Berichten und Dokumentation sollte einschränkt werden, um das Kind nicht mit der Fülle von Dokumentationen zu überfordern. Kinder sollten nicht dauernd mit dem Geschehenen konfrontiert werden, sie brauchen vor allem auch Ablenkung.
- Die sachliche Berichterstattung unbedingt der reißerischen vorziehen.
- Der Tagesablauf sollte für das Kind gleich bleiben. Struktur gibt Sicherheit.
- Über die Ereignisse sollte in der Familie offen gesprochen werden, dabei sollte man sich von den Fragen der Kinder leiten lassen und auf diese Fragen offene und ehrliche Antworten geben.
- Das Kind fragen, was es über die Ereignisse denkt, was es gesehen bzw. gehört hat, da Kinder Berichte oft falsch verstehen. Durch Nachfragen können Eltern auf Ängste und Fehlinterpretationen eingehen bzw. diese entschärfen und korrigieren.
- Die Aufmerksamkeit des Kindes sollte weg vom Anschlag, hin zu den Rettungsmaßnahmen gelenkt werden. Erklären, was Hilfsorganisationen wie Rettung, Polizei etc. tun, um die Betroffenen zu versorgen und wieder Sicherheit herzustellen.
- Die eigenen Gefühle oder die eigene Betroffenheit nicht verstecken, Kinder haben hier ein sehr feines Gespür. Kinder lernen dadurch, dass Betroffenheit, Angst und Trauer erlaubt sind und nicht verborgen werden müssen.
- Dem Kind erklären, dass in den Medien über viele schlimme Dinge, über die guten Dinge aber selten berichtet wird. Erklären, dass die meisten Menschen nicht von Terroristen angegriffen werden, sondern in Ruhe und Frieden leben.
Quellen:
Hausmann, C.: Handbuch Notfallpsychologie und Traumabewältigung. Wien (facultas) 2003.
Juen, B. u.a.: Krisenintervention bei Kindern und Jugendlichen. Ein Handbuch für psychosoziale Fachkräfte. Innsbruck (Studia) 2004.




