29.10.2011 | 18:05 | von Claudia Lagler (Die Presse)
Nicht nur die Spaßgesellschaft trifft sich im Netz. Das Internet wird von vielen Menschen als Trauerraum genutzt. Manche holen sich praktische Tipps, andere ein Stück Ewigkeit.
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An jenem Nachmittag vor zwei Jahren, an dem Debbis Vater an Krebs starb, sperrte sich das Mädchen in seinem Zimmer ein. Nicht, um allein zu sein und zu weinen, sondern um in einem Internetforum über seine Trauer, seine Ängste und seine Einsamkeit zu schreiben. „Ich bin froh, dass ich mit niemandem sprechen muss, sondern schreiben darf“, erzählte das Mädchen in dem Forum. Und erhielt Antworten von Menschen, denen es ganz genauso ging.
Am Onlinegrab von Maria Tallavel hat ein Angehöriger ein „Du bis nicht vergessen“ hinterlassen. Und auch dem kleinen Engel Celina ist ein virtuelles Denkmal gewidmet. „Das Internet ist für viele Trauernde eine Möglichkeit, ihren Schmerz mit anderen zu teilen“, sagt die Notfall-Seelsorgerin und Pfarrerin Carmen Berger-Zell. Sie ist Mitherausgeberin der Internetseite trauernetz.de, die seit ein paar Jahren eine gut frequentierte Anlaufstelle für Menschen ist, die mit dem Verlust eines nahen Menschen umgehen müssen.
Hochbetrieb in der Nacht
„Wir wollten als evangelische Kirche ein Gegengewicht zu den kommerziellen Anbietern von virtuellen Friedhöfen schaffen“, erzählt Berger-Zell. Neben dem persönlichen Austausch bietet trauernetz.de vor allem Hilfestellung für Menschen, die mit dem Tod fertig werden müssen. Es gibt Gedichte, Texte, Musik und praktische Tipps für die Gestaltung eines würdigen Abschieds.
Das Internet ist nicht nur der Tummelplatz der Spaßgesellschaft, sondern auch immer häufiger ein Ort, wo Menschen ihre Erinnerungen aufheben oder Hilfe in leidvollen Lebenssituationen suchen. „Die meisten Zugriffe sind zwischen 21 und 24 Uhr“, beobachtet Berger-Zell. „Wenn es ruhig wird, nehmen die Trauernden Kontakt zu anderen auf, die ebenfalls mit Schicksalsschlägen konfrontiert sind.“ Wenn andere den Fernseher einschalten, wird der Computer hochgefahren. Auf virtuellen Erinnerungsplattformen wie emorial.at oder aspetos.at errichten sie ihren Verstorbenen eine digitale Grabstätte, tragen sich in Online-Kondolenzbücher ein, deponieren Blumen oder zünden einfach nur ein virtuelles Kerzerl an.
Zählwerk gegen das Vergessen
Die Erinnerung kann einem lieben Menschen gelten oder auch dem verstorbenen Kater Felix. „Das Internet wird zu einem Kommunikationsmedium mit den Toten. Es suggeriert eine Idee des Jenseits“, weiß Berger-Zell. Sie beobachtet, dass es besonders in der ersten Zeit nach dem Tod eines Familienmitglieds oder eines Freundes das Bedürfnis gibt, eine Gedenkstätte im Web einzurichten. Tickt das Zählwerk, ist der Tote nicht vergessen.
Der Wunsch, im Internet seiner Trauer Raum zu geben, ist besonders bei Menschen groß, die einen überraschenden Verlust erlitten haben. Eltern, die ein Kind verloren haben, sind ebenso dabei, wie junge Frauen, deren Partner bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Auch Kindern, die still geboren wurden und die nie einen Atemzug getan haben, sind Gedenkseiten gewidmet, weil die Eltern einen Platz suchen, um mit ihrem Verlust umzugehen. „Auf vielen der privaten Seiten gibt es mehrere Dutzend Besucher pro Tag“, sagt Berger-Zell. Freunde und Familienangehörige treffen sich an Geburts- oder Todestagen oder Gedenktagen wie Allerheiligen im Netz. Man schaut schnell vorbei, schreibt ein „Du fehlst mir so sehr“ ins Kondolenzbuch und zündet eine Kerze an. Die realen Gräber zu besuchen, ist besonders wenn die Familienmitglieder weit voneinander entfernt wohnen, schwierig.
Nach drei, vier Jahren, wenn die Zeit der intensiven Trauer vorbei ist, werden viele dieser Seiten wieder stillgelegt. „In der Trauer hat ein Mensch etwas öffentlich gemacht, das später, wenn sich das Leben wieder normalisiert, nicht mehr passt“, meint die Seelsorgerin.
Martin Kunz, der 2008 gemeinsam mit Anton Stuckenberger mit emorial.de das mit mittlerweile rund 270.000 Memorials größte Erinnerungsportal im deutschsprachigen Raum ins Leben gerufen hat, bietet mit seiner Plattform ein bisschen Ewigkeit. Es soll von einem Menschen mehr übrig bleiben als ein Grabstein, ein paar Kisten mit persönlichen Gegenständen und Erinnerungen von Freunden und Verwandten. Ein Angebot, das sehr rege in Anspruch genommen wird. Rund 200 bis 300 User registriert die Erinnerungsplattform pro Tag, zu Allerheiligen sind es bis zu 3000. Etwa zehn Prozent der Nutzer kommen aus Österreich. Weil die Trauer in aller Öffentlichkeit nicht jedermanns Sache ist, können die Memorials auch mit einem Zugangscode geschützt werden.
Auf der Suche nach Worten. Nicht immer geht es jenen, die auf virtuellen Friedhöfen oder Gedenkseiten unterwegs sind, um die Kommunikation mit anderen oder das Erinnern an einen lieben Menschen. „Besonders in der ersten Zeit des Verlustes fehlen vielen Menschen die Worte. Sie suchen nach Seiten, die ihre eigenen Gefühle widerspiegeln“, meint Berger-Zell. Wird das Netz irgendwann den traditionellen Friedhof ablösen? „Nein“, sagt sie. „Das ist keine Frage von Entweder-oder, sondern einfach eine Erweiterung der Trauerarbeit. Friedhöfe, einen Gedächtnisaltar in der Wohnung oder eine Kennzeichnung des Sterbeorts wird es immer geben. Das Internet ist einfach ein zusätzlicher Raum.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2011)





