Es hängt von verschiedenen Faktoren ab, ob Trauer gesund oder krankhaft verläuft:
1. vom konkreten Trauerfall:
Unter welchen Umständen ist ein Mensch in meiner Umgebung verstorben und welche Beziehung hatte ich zu dem Menschen? Der Verlust von Kindern ist für Eltern meist schwieriger zu bewältigen als der Verlust der eigenen Eltern. Hier ist auch das Risiko größer, dass Trauer erschwert oder pathologisch wird.
2. von unserer Disposition:
Wie stabil ist mein Leben gerade? Bin ich gesund? Wie alt bin ich? Wie funktioniert mein soziales Netz? Habe ich noch andere Verlust-Ereignisse oder Krisen, die ich noch nicht bewältigt habe? Etc.
3.von den Bewältigungsstrategien, die wir anwenden:
Menschen, welche aktive Bewältigungsstrategien anwenden, sind weniger gefährdet, dass Trauer pathologisch wird.
Aktive Bewältigungsstrategien begünstigen den Verarbeitungsprozess. Dazu zählen alle Aktivitäten, die sich mit dem Verlust auseinandersetzen:
Der bewusste Abschied vom Verstorbenen, das Mitgestalten der Trauerfeierlichkeiten, Literatur zum Thema, der Besuch von Trauer- und Selbsthilfegruppen, Trauerforen im Internet, Trauerrituale, das Auseinandersetzen mit dem, was passiert ist, der Besuch am Sterbeort, die Grabpflege etc. Aktive Bewältigunsstrategien zielen darauf ab, den Verlust und das Geschehene zu akzeptieren und dem Todesfall bzw. der damit verbundenen Krise einen Platz im eigenen Leben zu geben und trotzdem den Alltag wieder selbst zu bewältigen.
Was passiert, wenn der Trauernde passiv bleibt?
Passive Strategien verzögern oder blockieren Bewältigung: Passive Strategien sind Strategien, in denen Menschen den Verlust verleugnen, die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen vermeiden und den Trauerschmerz unterdrücken (Medikamente, Alkohol, exzessives Arbeiten ...)
Trauer kann krankhaft werden, wenn sie durch passive Strategien blockiert wird, d.h. wenn wir sie nicht zum Ausdruck bringen und verdrängen, wenn wir in einer der Trauerphasen fixiert bleiben.
Manche Menschen bleiben in der ersten Phase fixiert: Ganz am Anfang wird der Todesfall häufig verleugnet und als "nicht wirklich oder nicht wahr" erlebt. Das ist ein Schutzmechanismus, der an sich gut ist, aber es ist auch unsere Aufgabe, Stück für Stück zu realisieren, dass es eben doch "wahr ist".
Wenn der Tod auf Dauer verleugnet wird und wir dabei bleiben, kann kein Trauergefühl aufkommen und der Bewältigungsprozess kann nicht in Gang kommen.
Wenn Menschen in der zweiten Trauerphase fixiert bleiben, in der starke und chaotische Gefühle aufbrechen, dann wird Trauer chronisch. Diese Menschen schaffen es nicht, aus dem Chaos von Schuld, Verzweiflung, Angst, Wut und Schmerz herauszukommen, weil sie diese Gefühle nicht angemessen zum Ausdruck bringen oder die falschen Bewältigungsstrategien verwenden. Sie schaffen es dann nicht, sich in ihrem Leben ohne den verstorbenen Menschen neu zu orientieren und sich an dieses neue Leben mit den Lücken und offenen Stellen anzupassen.
Die pathologischen Formen der Trauer sind sehr vielfältig. Es gibt auch verzögerte Trauerreaktionen – die Trauer kommt verzögert, mitunter Jahre verspätet zum Ausbruch. Oder übertriebene Trauerreaktionen, dabei sind die Trauergefühle so stark und unkontrollierbar, dass der Alltag nicht mehr bewältigbar ist.
Auch kann sich die Trauer körperlich ausdrücken, zum Beispiel fängt man sich dann jede Infektionskrankheit ein.
5 Grundformen pathologischer Trauer nach W. Worden
1. Ausbleibende Trauer
Wenn keine Trauerreaktionen verspürt und beobachtet werden, kann Trauer blockiert sein und damit wird die Bewältiungsarbeit blockiert und erschwert.
Nicht selten taucht Trauer dann stark zeitverzögert in Form von psychischer oder körperlicher Erkrankung auf.
2. Chronische Trauerreaktionen
Im Falle chronischer Trauer halten Trauerreaktionen übermäßig lange an. Der Betroffene empfindet dies selbst so, hat Angst den Anschluss zu verlieren und das Gefühl professionelle Hilfe zu benötigen.
3. Verzögerte Trauerreaktionen
Der Betroffene zeigt zwar Trauerreaktionen, von der Intensität her reicht dies aber nicht aus. Es treten daher verzögerte Reaktionen in nicht adäquaten Situationen auf, z.B. Trauerreaktionen bei einem traurigen Kinofilm.
4. Übertriebene Trauerreaktionen
Trauerreaktionen treten in so gesteigerter Form auf, dass sie das Leben des Betroffenen stark einschränken und einen „normalen“ Alltag unmöglich machen.
(Depressionen, Phobien, Panikattacken, …)
5. Larvierte Trauerreaktionen
Hier ist dem Betroffenen nicht klar, dass es sich um latente Trauerreaktionen handelt. Somatisierungen bzw. chronfizierte Somatisierungen sind hier typische Auffälligkeiten.
Was ist dann gesunde Trauer?
Menschen, die gesund trauern, können bald nach einem Todesfall den Alltag wieder bewältigen. Wesentliches Merkmal ist auch, dass ich trotz meiner Trauer wieder arbeits- und beziehungsfähig bin.
Der Trauerschmerz der gesunden Trauer kommt in Wellen, dazwischen habe ich aber durchaus auch Phasen, in denen es mir besser oder sogar gut geht. Die "guten Zeiten" brauchen wir in der Trauer, um uns vom Schmerz zwischendurch zu erholen. Wenn ich den "Wellengang meiner Trauer" nach einem halben Jahr oder nach einem Jahr auf ein Blatt Papier aufzeichne, dann merke ich: Da gibt es durchaus stürmische und schmerzhafte Zeiten, aber insgesamt werden die Schmerzwellen flacher und ich kann mich dem neuen Lebensabschnitt, in dem der verstorbene Mensch fehlt, langsam anpassen: Ich kann bestimmte Lücken füllen und mit bestimmten "offenen Stellen" kann ich leben und umgehen lernen.
Dr. Christine Pernlochner-Kügler








