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Trauerbegleitung mit Hypnose

Geschrieben von Dipl. Theol. Gerhard Baier am . Veröffentlicht in Trauerarbeit

Gerhard Baier

Konzessionsloser Abschied

Abschiede ziehen sich durch unser Leben. Der Eintritt in diese Welt kostet den allerersten Abschied: von der Versorgung im Mutterleib, von Wärme, nährendem Wasser und idealerweise Schutz, Wohlgefühl, Sicher- und Geborgenheit. Abschied von einer 9 Monate geglückten und beglückenden Symbiose. Von nun an leben wir in Dauerabschieden. Täglich. Wir kommen und gehen. Sind hier und müssen fort. Finden Freunde, lassen zurück und werden zurückgelassen. Das Geben trennt. Aber auch das Nehmen. IN der Zeit nehmen wir steten Abschied VON der Zeit. Viele große, kleine, flüchtige, schnelle und ungewollte Abschiede an einem Tag. Wollten wir bleiben, der Abschied verschluckte diesen Wunsch. Abschiede machen keine Konzessionen. Sie machen uns traurig, oft ohne es bewusst zu merken. Das Gefühl der Trauer steht Pate bei unserer Geburt und ist von da an ständiger Begleiter. Zuverlässig und treu. Im Vorwort des Buches: ICH SEHE DEINE TRÄNEN fragt die Gestalttherapeutin Kristine Schneider, was den Menschen vor Verkümmerung bewahren, seine Leistungsfähigkeit und Freude erhalten könne, um zu antworten: „Befremdlich zu denken, dass es die Fähigkeit zum Trauern sein soll.“ (1)

Unfähigkeit zur Trauer macht krank

Jorgos Canacakis, der Autor, sieht Trauer als ein dem Menschen angeborenes Gefühl, stets parat, immer verfügbar in entsprechenden Lebenssituationen. Sie habe es schwer heutzutage gegen „unsere idealisierten Schöpfungen“, „Maschine und Computer weinen und trauern nicht. Diese Gesellen aus Eisen, Glas und Plastik werden repariert, ersetzt oder verschrottet ohne dass es Probleme gibt…… Sobald wir uns aber mit diesen bloß funktionierenden Dingen nicht auf eine Stufe stellen wollen, haben wir Sorge mit dem Gefühl der Trauer zurechtzukommen.“ (2) Wir lernten ziemlich früh, dass dieses Gefühl unerwünscht sei, schluckten es hinunter, betäubten Gehirn und Sinne. Die Humanwissenschaften wissen um die Explosivität und Gefährlichkeit unterdrückter Trauer. Sie schlägt mit vielen körperlichen, krankmachenden Symptomen zurück. Wir treiben Trauer gerne ab. Mit vielen Mitteln und wissen doch, dass dieser Abort nicht gelingt. Gefühle lassen sich nicht eliminieren. Zumindest nicht erfolgreich.

Trauerbegleitung mit Hypnose

Menschen trauern unterschiedlich. Immer jedoch ist Trauer ein Identifikationsprozess, eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Das Ende einer Beziehung ruft nach Neuausrichtung unserer Position(en). Und der Tod nahestehender Menschen nach grundsätzlicher Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit und dem eigenen Sterben. Es ist wie der vorgezogene Tod. Tod prüft Leben. Wir wissen um das eingangs erwähnte Kommen und Gehen. Nur jetzt geht einer und kommt NIE MEHR. Diesen Verlust zu bestehen und aus ihm neuen Mut zum Leben zu gewinnen liegt in den Möglichkeiten der Hypnose.

Bewusstes - Unbewusstes

Nachweisbar sind Veränderungen in Wahrnehmung und Emotionalität von Menschen unter Hypnose. Hypnose ist der Zustand, in dem der Körper bei wachem Bewusstsein in tiefste Entspannung geht. Wissentliche Kommunikation zwischen Hypnotisanten und Hypnotiseur entsteht. Jede Störung wird angesprochen und kann behoben werden. Selbst ein Abbruch ist mit der entsprechenden hypnotischen Ausleitung in jedem Moment unmittelbar möglich. Die Hypnose greift auf das schier unerschöpfliche Repertoire des Unbewussten. Bewusstes tritt in einen Dialog mit ihm. Mit Schlaf hat Hypnose wenig zu tun. Mit ihm gemeinsam sind jedoch gewisse Hirnakivitäten. „Man geht heute eigentlich davon aus, dass das Gehirn über verschiedene Instanzen mit sich selbst im Dialog steht, also von mit sich kommunizierenden Gehirnarealen. Diese Dialogstruktur oder das Profil dieses Dialoges erzeugt dann die erlebten Emotionen.“ (3)

Suggestion und Überraschung als hypnotische Methode

Ein ausführliches Gespräch ist der hypnotischen Sitzung vorgeschaltet. Es erhebt biographische Daten, fragt nach körperlichen Beschwerden, aller Last und möglichen Blockaden. Mit dem Hypnotisanten entwickelt der Hypnotiseur die Strategie der Sitzung und bespricht mögliche Suggestionen. Diese werden in diesem Moment nicht explizit geäußert denn Hypnose arbeitet mit dem Moment der Überraschung. Lassen wir Milton Erickson, Gründungspräsident der Amerikanischen Gesellschaft für klinische Hypnose, sprechen: „Überraschung hat eine Anzahl von möglichen Funktionen in hypnotischer Arbeit. Schock und Überraschung können für einen Augenblick die gewöhnlichen psychischen Haltungen eines Menschen außer Kraft setzen, so dass Wahrnehmung und Verstehen spontan auf neue Art organisiert werden können..und lässt den Menschen offen, bewußt, etwas erwartend. - Dieses Etwas kann entweder eine neue innere Einsicht oder eine wichtige Suggestion vom Therapeuten sein.“ (4) Suggestionen fördern die Hypnose oder den Zustand der Trance während der hypnotischen Sitzung. Sie leiten zu aktiver Imagination und nutzen das Potential aller zur Verfügung stehenden inneren Kraftquellen. Carl Gustav Jung trifft ins Schwarze: „Wer nach außen schaut, träumt. Wer nach innen schaut, erwacht.“ Beides sind hypnotische Zustände. Unseren Tagträumen, dem ruhenden Blick über das weite Meer, der Atempause am offenen Fenster spricht die Neurowissenschaft hypnotische Wirklichkeit zu. Pausen als Regeneration für das Gehirn. Hypnose in der Trauer ist die dem Gehirn akzentuiert gesetzte Pause im Gewirr der sich überstürzenden Gefühle. „Diese Konstruktion solcher ineinandergreifender Assoziationsnetze ist es, die der Trance als einem veränderten Bewusstseinszustand mit seinen eigenen Wegweisern, Regeln und seiner „Wirklichkeit“ Substanz verleiht.“ (5) Der „böse Traum“ kann sich auflösen. Das Nervensystem erfährt Entspannung. Der veränderte Bewusstseins- und Körperzustand wirkt „heilend“ und ge-(hend)-lassen . Die innere Wirklichkeit schafft Neues. Unterstützt die Suche nach Sinn und Glück, welches ja auch gestorben scheint. Im besten Fall beendet die Hypnose die quälenden, um sich selbst bezogenen Fragen und somit die Abgeschiedenheit des Trauernden. Trauer kann dadurch besser „ausgehalten“ werden und muss nicht in Aggression, Nörgeleien oder Hyperaktivität und dergleichen agiert werden. Das ICH tendiert zum WIR. Eine bis dato selbst gewählte Isolation, der Abschied von der Welt ist Rücknahme exzentrischer Selbstbezogenheit in Richtung neue Gemeinschaft. Selbstverständlich bleibt der Trauernde im Fokus, begreift aber seine momentane Biografie von Trauer und Schmerz nicht mehr als den Fixpunkt seines Universums. Im Gegenteil. Er kann aus Starre erwachen und jedes Gefühl neu (er)leben. Auch seine Trauer.

Quellen:
1) Jorgos Canacakis: Ich sehe deine Tränen - Kreuz Verlag S. 9
2 ) Ebd. S. 14
3) Prof. Dieter Vaitl: Veränderte Bewusstseinszustände - in: EPOCH TIMES 23.2.2011
4) Milton H. Erickson: Hypnose - Leben lernen - Pfeiffer Verlag S. 175 5) Ebd. S. 148

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Wunderbare Mächte

Geschrieben von Dipl. Theol. Gerhard Baier am . Veröffentlicht in Trauerarbeit

© Andreas Steinhoff

Dietrich Bonhoeffer zu ehrendem Gedenken

In diesen Tagen jährte sich zum 70. Mal der Tod von Dietrich Bonhoeffer, Doktor und Lehrer der Theologie, Begründer der Bekennenden Kirche in Deutschland, Widerstandskämpfer gegen Hitler und seine nationalsozialistische Barbarei. Kurz vor deren Ende wurde er auf Befehl des Führers nach einem Scheinprozess im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet. Keine Zeugen. Am Morgen des 9. April 1945 hing einer der allergrößten Lutherischen Theologen am Galgen. Teile seiner Kirche taten sich zunächst selber schwer mit ihm. Märtyrertum wollte man nicht erkennen, hätte sich doch sein Mut, seine Kraft und Tat zu Widerstand aus eher politischen Motiven ergeben. Auch juristisch galt ein langer Kampf bis Dietrich Bonhoeffer durch die Aufhebung aller Standesgerichtsurteile aus der Nationalsozialistischen Zeit 1998 endlich Gerechtigkeit widerfuhr. Unbestritten - der Theologe Bonhoeffer hat zu heftiger Auseinandersetzung herausgefordert. Wie soll ein religionsloses Christentum zu denken sein?
Bei allem Disput: Ausgangspunkt seines Glaubens ist Gott, der Mensch wurde und damit das Leiden und die Ohnmacht des Menschen annahm. So kann Jesus, die Mitte des Glaubens, in tiefster Not in diesem Leben helfen und Glaube an ihn bedeutet niemals eine Vertröstung aufs Jenseits.
Die Evangelische Kirche Deutschlands und mit ihr viele Kirchen der Welt bezeugen Dietrich Bonhoeffer längst das Leben eines Märtyrers des 20. Jahrhunderts und zollen ihm außerordentlichen Respekt. Hoch angesehen ist er auch in der Katholischen Kirche, deren heutiger Glaubenspräfekt sogar über die Theologie Bonhoeffers promovierte.

In Erwartung des Todes

Dietrich Bonhoeffer musste nach seiner Inhaftierung klar sein, dass er sterben würde. Der mit ihm inhaftierte, italienische Wissenschaftler Gaetano Latmiral wird sich in späteren Jahren rückblickend „vor allem an die Ruhe und das Gottvertrauen, das Bonhoeffer ausstrahlte“, entsinnen: "Ich denke, er hatte eine so feste Hoffnung, dass Gott durch Christus alles wiederbringen wird, alles vollenden wird, deswegen war er so ruhig.“ (1)
Den eigenen endgültigen Abschied von dieser Welt vor Augen, erhält das Ehepaar Renate und Eberhard Bethge zu Weihnachten 1943 einen Brief:
„Zunächst: es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander - wenn auch unter Schmerzen - zu bewahren. Ferner:

Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung.

Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“ (2)
Hier nun eine der schönsten Überlieferungen des großen Dietrich Bonhoeffer. Ein Geschenk vom Dezember 1944. Ein Gedicht an seine Verlobte. Aus der Haft. Längst auch zum Lied vertont. Worte hoffender Zuversicht, mutigen Glaubens, sanften Trosts, tiefsten Mitfühlens, ungebrochener Sicherheit.
Ersetzen Sie einfach das NEUE JAHR im ersten Vers durch JAHR FÜR JAHR und eine Strahlkraft erleuchtet jeden Ihrer Tage - vor allem, wenn sie dunkel zu sein scheinen. Aus Hochachtung vor dem Original habe ich mir, dies zu tun, verwehrt.

Von guten Mächten

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.


Herausgeber: EKD zum Jahreswechsel, 27.12. 2001
1) DEUTSCHLANDFUNK: Tag für Tag/Beitrag vom 07.04.2015
2) Zitate von Dietrich Bonhoeffer: www.bonhoeffer.ch
F
otocredit: © Andreas Steinhoff

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Udo Jürgens Vermächtnis: Musik und Menschlichkeit

Geschrieben von Sue Holl am . Veröffentlicht in Trauerarbeit

Udo Jürgens

Sein plötzlicher und überraschender Tod traf seine Fans wie ein Schlag: Am 21. Dezember brach Udo Jürgens zu einem Spaziergang auf und sollte nie wieder zurückkehren. Trotz sofort eingeleiteter Wiederbelebungsmaßnahmen starb er wenige Stunden später im Krankenhaus an Herzversagen. Udo Jürgens hinterlässt ein reiches Erbe, auch abseits seiner einzigartigen Musik.

Immer wieder versuchten Menschen, Udo Jürgens in die „Schlagersänger-Schublade“ zu stecken. Und genauso oft belehrte sie der begnadete Künstler eines Besseren: Von herkömmlichen Schlagern ist seine Musik weit entfernt. Denn im Gegensatz zu vielen anderen populären Musikstücken übermitteln seine Lieder deutliche Botschaften. Die Brillanz dahinter mag auf den ersten Blick nicht immer ersichtlich sein. Doch bei genauerem Hinhören entdeckt man auch heute noch eine große Portion Sozialkritik und das unbändige Verlangen, die Welt zu verbessern.

Udo Jürgens, Universalgenie mit Engagement

Vielleicht lag es ja bereits in Udos eigener Kindheit begründet, dass er sich Zeit seines Lebens gegen Ausgrenzung und Diskriminierung aussprach. Geboren wurde er 1934 als Udo Jürgen Bockelmann im österreichischen Klagenfurt, die Mutter stammte aus Schleswig-Holstein, der Vater aus Moskau. In seiner Jugend erlebte er Rassismus und Faschismus hautnah – die Wirren des Zweiten Weltkrieges standen kurz bevor. Diese Erfahrungen hinterließen deutliche Spuren im Herzen und in der Lebenseinstellung des Künstlers: Als überzeugter Antifaschist setzte er sich unermüdlich für Toleranz und Freiheit ein. Und sein Werkzeug war die Musik. In einem Interview mit dem „Kulturmontag“ sagte er einst: „Ich glaube, in der Unterhaltungskultur steckt mehr Potenzial für gesellschaftliche Veränderung als in der Malerei oder in der Literatur“. Dem können wir uns nur anschließen!

Udo Jürgens, der Universalkünstler, der keine Grenzen kannte: Poet, Komponist, Sänger, Schauspieler und noch vieles mehr. Allen seinen Arbeiten ist eins gemeinsam: Der besondere, einzigartige Blick auf das Wesentliche, das Hinterfragen von scheinbar Selbstverständlichem und die versöhnliche Auseinandersetzung mit Themen, die bei vielen anderen Musikern zu kurz kommen. Verpackt in Melodien, die zum Mitsingen einladen, erreichte er mit seiner Botschaft Generationen.

Udo wird eine große Lücke hinterlassen, nicht nur in der heimischen Musiklandschaft. Doch sein Vermächtnis lebt weiter: In jedem Menschen, der die Botschaft in seinen Liedern versteht und die Welt durch die Augen dieses begnadeten Genies betrachtet – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.

Traueranzeige von Udo Jürgens: http://www.aspetos.at/de/traueranzeige/udo_juergens

Wir bedanken uns für das Fotomaterial bei Fotostudio Peter Korrak

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Der Tod gehört zum Leben dazu!

Geschrieben von Dr. Diana C. Albu-Lisson am . Veröffentlicht in Trauerarbeit

Dr. Diana C. Albu-Lisson

Stirbt ein geliebter Mensch aus unserer Mitte, sind wir zunächst ratlos. Traurigkeit, Hilflosigkeit machen sich breit, ja manchmal auch Wut und Enttäuschung. Es herrscht Ausnahmezustand; irgendwie ist man mit Allen und Allem überfordert.

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