Hilfreich sein, statt hilflos zusehen müssen
Was tun, wenn die Nachbarin vor der Tür steht und stockend hervorbringt, dass ihr Mann mit einem Herzinfarkt in die Klinik gebracht wurde? Ist es lächerlich, wenn der plötzliche Tod eines Kanarienvogels der einsamen alten Dame vom 3. Stock das Herz bricht? Wie sich verhalten, wenn der beste Freund beim Waldspaziergang einen erhängten Mann gefunden hat?
Kurz: Was tun, wenn sich Nachbarn, Freunde oder Verwandte in einer seelischen Krisensituation befinden?
Wer hier keine Ausbildung hat, steht oft selber hilflos da. Wie können Menschen ohne Psychologie-Studium oder einschlägige Fachausbildung helfen, anstatt hilflos zusehen zu müssen?
„Was Betroffene hier in erster Linie brauchen, sind nicht unbedingt gleich Psychologen oder Psychotherapeuten, sondern Ersthelfer, Bekannte, Freunde oder Verwandte, die wissen, was in solchen traumatischen Situationen hilft und was nicht. Wir wissen heute, dass psychische Folgeerscheinungen durch richtige Betreuung unmittelbar nach dem Extremerlebnis reduziert werden können und das ist das Ziel der Psychologischen Ersten Hilfe“, erklärt Dr. Binder-Krieglstein, Vizepräsident des Berufsverbandes Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) und Notfallpsychologe aus Wien.
Bis vor kurzem lag es alleine im Kompetenzbereich der Kriseninterventionsteams und der Notfallpsychologen, Betroffene kurz nach einem traumatischen Ereignis zu betreuen. Die Kriseninterventionsteams sind speziell geschulte ehrenamtliche Mitarbeiter des Roten Kreuzes, welche bei Unfällen, Suiziden, Gewalttaten, Naturkatastrophen und anderen plötzlichen krisenhaften Situationen alarmiert werden, um unmittelbar Betroffene oder auch Zeugen von traumatischen Ereignissen in den ersten Stunden kompetent zu begleiten.
Erste Hilfe für die Seele
Das Wissen um stabile Seitenlage, Herzdruck-Massage und Mund-zu-Mund-Beatmung gehört zu den Erste-Hilfe-Maßnahmen mit dem Ziel, organische Folgeschäden zu verhindern und Leben zu retten. Einige Grundlagen der Krisenintervention zu kennen und anwenden zu können, ist für den Laien aber ebenso wichtig, denn es handelt sich hierbei um „Erste Hilfe für die Seele“, – auch seelisch können Folgeschäden verhindert werden und vielleicht sogar Leben gerettet werden.
Aus diesem Grund bietet die Österreichische Akademie für Psychologie seit Feber 2009 allmonatlich einen Basiskurs „Psychologische Erste Hilfe für Laien“ an. „In diesem 4-stündigen Kurs wird Laien ein Grundlagen-Wissen der Krisenintervention vermitteln. Wir wollen mit diesem Kurs weder Hobbypsychologen heranzüchten, noch dem Kriseninterventionsteam Konkurrenz machen. Vielmehr geht es darum, zu zeigen, was in traumatischen Situationen hilfreich ist und was nicht bzw. welche Fehler man als Laie vermeiden kann, wenn man helfen will“, so Cornel Binder-Krieglstein.
Der Basiskurs beinhaltet folgende Themen:
- Die Berufsgruppen Psychiater, Psychologe, Krisenintervention und Notfallpsychologe werden voneinander abgegrenzt, ihre Aufgabenbereiche und Zuständigkeiten definiert. Es ist wichtig zu wissen, dass der Psychiater nicht automatisch Psychotherapeut und Psychologe ist und dass umgekehrt ein Psychotherapeut oder Psychologe kein Arzt ist, der Medikamente verschreibt.
- Was ist Psychologische Erste Hilfe und was nicht? Was ist meine Aufgabe als Laien-Ersthelfer und wo sind meine Grenzen?
- Mit dem BASIS-Modell der Krisenintervention wird ein Leitfaden mitgegeben, der es Ersthelfern ermöglicht, hilfreich einzuschreiten:
B indung herstellen: Wie gelingt es mir, mit dem Betroffenen, der in einem psychischen Ausnahmezustand ist, Kontakt herzustellen?
A nerkennung fördern: Wie kann ich den Betroffenen dabei unterstützen, die Realität des Geschehenen anzuerkennen, ohne ihn dabei zu überfordern.
S trukturieren: Wie kann ich dem Betroffenen Struktur, Halt und Orientierung geben?
I nformieren: Welche Informationen gebe ich weiter? Wie gehe ich bei unsicherer Informationslage um? Wer muss worüber von wem informiert werden?
S icherstellen von Auffangnetzen: Woran merke ich, dass ich als Helfer gehen kann? Welche Auffangnetze gibt es?
- Thema des Kurses ist aber auch die Psychohygiene von Helfenden: Was ist das „Helfer-Syndrom“ und wie kann ich mich selber schützen und abgrenzen, um gesund zu bleiben.
Wer diesen Basis-Kurs erfolgreich absolviert hat, kann sein Wissen im 2tägigen Aufbaukurs vertiefen. Hier werden die Inhalte des Basis-Kurses durch Rollenspiele
beübt und diskutiert. Zusätzliche Inhalte sind die Grundlagen der Psychotraumatologie und die eigene Psychohygiene.
Mindestalter für das Basis-Seminar ist das vollendete18. Lebensjahr. Für Kinder im Pflichtschulalter und Jugendliche sind eigene Basis-Workshops in Planung: „Wir werden mit dem speziellen Angebot für diese Zielgruppe vor allem auf Pädagogen und Sozialarbeiter zugehen“, beschreibt Dr. Binder-Krieglstein seine Pläne für zukünftige Projekte den Basis-Kurs für Laien betreffend.
Seminartermine in Wien:
Freitag, 30.10.2009 16:00 bis 20:00 Uhr
Freitag, 20.11.2009 16:00 bis 20:00 Uhr
Donnerstag, 17.12.2009 16:00 bis 20:00 Uhr
Montag, 11.01.2010 16:00 bis 20:00 Uhr
Dienstag, 09.02.2010 16:00 bis 20:00 Uhr
Donnerstag, 11.03.2010 16:00 bis 20:00 Uhr
Für den Aufbaukurs gibt es derzeit keinen Termin. - Dieser wird erst festgelegt, wenn sich eine ausreichende Zahl an InteressentInnen gemeldet hat.
In Niederösterreich werden die Seminare derzeit auf Anfrage als Inhouse-Veranstaltungen durchgeführt.
Kontakt und Information:
Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen
Möllwaldplatz 4/4/39
A-1040 Wien
Tel: +43 (0) 1 407 2672-12
E-Mail:
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Web: www.boep.or.at





