Wann verschlägt es Erwachsenen die Sprache und sie suchen nach Worten oder auch Ausflüchten? Wann fallen ihnen die besten Lügengeschichten ein oder auch die absurdesten Vergleiche? Wenn Kinder wissen wollen, wie die Babys in den Bauch kommen und wenn Kinder danach fragen, was danach kommt – nach dem Leben. Am Anfang ist es wie bei den Bienchen und Blümchen … Tja und dann am Ende … ähm, da kommen wir in den Himmel zu den Engeln (die haben auch Flügel, wie die Bienchen). Und wenn die Kinder dann nicht mehr weiterfragen, weil sie sofort merken, dass der Gesprächspartner nicht wirklich ehrlich und kompetent wirkt (denn Kinder von heute sind sehr schlau und glauben längst nicht mehr alle Ammenmärchen), dann sind Eltern oft recht froh, dass sie nicht konkreter werden müssen und überlassen die Details den Lehrern in der Schule, denn die sind heute schließlich dafür ausgebildet. Zumindest was den Aufklärungsunterricht in Sachen Sexualkunde angeht, sind sie das. Aber wie steht es mit der Todeskunde?
Alles, was Kindern nicht sachlich und verständlich erklärt wird, alles, was wir verschleiern oder tabuisieren, bildet eine Wissenslücke. Diese Lücke bleibt allerdings nicht leer, denn Kinder suchen nach Erklärungen und füllen alles, was offen bleibt mit Phantasien oder Gerüchten oder Inhalten, die sie irgendwo aufschnappen. Im Zusammenhang mit dem Tod und der Trauer sind diese Phantasien allerdings selten „nett“, viel eher sind sie angstbesetzt. Sex und Tod haben durchaus etwas gemeinsam: Sie haben etwas mit dem Leben zu tun und mehr noch: Sie sind als Anfang und Ende des Lebens markante Punkte. Und wahrscheinlich sind sie auch deshalb die zwei großen Tabu-Themen unserer Gesellschaft. Auch wenn Kulturen unterschiedlich mit Sex und Tod umgehen, so sind sie keiner Kultur egal. In allen Kulturen sind sowohl Sex als auch Tod in gewisser Weise intime und auch heilige“ Bereiche, mit denen man sehr vorsichtig umzugehen hat. Intime und heilige Bereiche sind in allen Kulturen mit Tabus behaftet. Ein Tabu ist grundsätzlich nichts Schlechtes, es soll schützen. Aber wenn ein Tabu zu stark wird, kann der Umgang damit dermaßen verklemmt werden, dass er gar nicht mehr gesund ist.
Sexualkunde hat heute seinen fixen Platz in den Lehrplänen. Im Sachunterricht oder in Biologie wird die Entstehung des Lebens sehr sachlich erklärt und das ist gut so: Denn kompetenter Umgang mit Sexualität braucht ein sachliches Faktenwissen. Gleichzeitig wirkt man mit Sachlichkeit auch einer ungesunden Tabuisierung entgegen. Wie steht es aber mit der Todeskunde, der Thanatologie? Der schulische Zugang ist hier sehr „metaphysisch“, jedenfalls wird der Tod in keinem Fach wirklich konkret und anschaulich bearbeitet, denn der Zugang ist hier ist eher „philosophischer“ oder „theologischer“ Natur: Der Tod ist Thema in Religion und auch in Deutsch, denn es gibt genügend traurig-morbide Texte. Philosophie war im antiken Griechenland eine Disziplin, die es vor allem darauf anlegte, mit der Angst vor dem Tod fertig zu werden. Insofern hat der Tod sicherlich auch im Philosophie-Unterricht seinen Platz.
Allerdings liefert die philosophische und theologische Auseinandersetzung mit der Frage „Was kommt danach?“ keine sicheren Antworten. Im Gegenteil, sie wirft sogar weitere unbeantwortbare Fragen auf. Es ist sicherlich eine unserer Lebensaufgaben, dass wir auch lernen, mit Fragen zu leben, die sich nicht beantworten lassen und es ist sehr wichtig, schon im Kindergarten- und Volksschulalter damit zu beginnen. Aber diese Unsicherheit und die Unbeantwortbarkeit im philosophisch-theologischen „Was kommt danach?“ verstärkt grundsätzlich auch die Angst. Sicher, auch mit dieser Todesangst müssen wir Leben lernen, auch hier müssen wir schon im Kindesalter damit beginnen, diese Angst in unser Leben zu integrieren. Aber: Vor lauter Philosophieren und Glaubenwollen wird oft gänzlich vergessen, dass es auch im Zusammenhang mit der Frage „Was kommt danach?“ ganz klare und sachlich zu beantwortende Inhalte gibt. Und diese Klarheit und Sachlichkeit hilft wie im Aufklärungsunterricht in Biologie, Ängste und Unsicherheiten zu reduzieren, denn Kinder wie auch Erwachsene brauchen das Konkrete und Greifbare, um beim Philosophieren und dem Reden über Gott und die Welt nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wer nämlich den Boden unter den Füßen verliert, hat keinen Halt und fühlt sich ängstlich und unsicher. Die Folge ist: Man tut sich schwer mit dem Leben, aber eben auch mit dem Tod.
Aus diesem Grunde besuchen uns immer mehr LehrerInnen mit ihren Schulklassen. Sie kommen zu uns ins Krematorium oder auch in die Bestattungsinstitute „zum Aufklärungsunterricht der anderen Art“, bei dem eben nicht Sex – und damit der Beginn des Lebens – Thema ist, sondern der Tod, also das Ende des Lebens. Denn „danach“ kommt einer nämlich sicher und das ist der Bestatter oder eben auch die Bestatterin. Und der Bestatter und die Bestatterin können sehr viele Fragen klar und eindeutig beantworten.
Wie läuft so ein Aufklärungsunterricht über den Tod ab? Lesen hier „Werden wir von Würmern gefressen?“ – Aufklärungsunterricht der anderen Art





