Ganz ehrlich: Wenn mir Leute weismachen wollen – und solche gibt es durchaus – sie hätten keine Angst vor dem Sterben und dem Tod, dann halte ich sie für nicht ganz ehrlich.
Angst ist eine angeborene Reaktion des Menschen mit Warn- und Schutzfunktion. Es gibt 5 Situationen die beim Menschen typischerweise Angst auslösen:
- Die Angst vor realer Gefahr, Bedrohung
- Die Angst vor Unvermeidbarem
- Die Angst vor Schwäche, Verlust von Ansehen
- Die Angst vor Neuem und Fremdem
- Die Angst vor Kontrollverlust
Die Angst vor dem eigenen Sterben und Tod ist menschlich, denn sie ist eine normale und sehr verständliche Reaktion auf diese typischen Angst auslösenden Situationen: Der Tod ist eine reale Bedrohung, er ist unvermeidbar und er ist etwas Neues und Fremdes. Sterben bedeutet Schwäche, Loslassen-Müssen und natürlich auch Kontrollverlust. Ich kann mein Sterben und meinen Tod nicht vorhersehen: Wird es schnell gehen, werde ich Schmerzen haben, wie stark und wie lange wird meine Lebensqualität eingeschränkt sein? Und selbst wenn man das Sterben dann schlussendlich „geschafft hat“, ist man als Toter „sehr schwach“, weil man gar nichts mehr machen kann. Man liegt hilflos herum, verändert sich rasch und nicht zu seinem Vorteil. Man verliert an Ansehen, weil man ja rein rechtlich zu einer Sache, zu einem Gegenstand ohne Rechte und Pflichten wird, der schnell entsorgt werden muss.
Sie ist also zutiefst menschlich, diese Angst vor dem Sterben und dem Tod. Angst löst beim Menschen ein Vermeidungsverhalten aus, auch das ist uns angeboren. Die Folge ist, dass wir den Tod verleugnen und es gerne vermeiden, uns damit zu beschäftigen. Letztendlich aber ist der Tod unvermeidlich, er ist unsere letzte Gewissheit, er gehört zum Leben. Da wir die Angst vor dem Tod wie den Tod selbst nicht loswerden können, ist es eine unserer Lebensaufgaben, mit ihr leben zu lernen.
Der gesunde Umgang mit der Todesangst ist eine Gratwanderung zwischen Zulassen und Abwehren: Sich seiner Ängste bewusst sein, bedeutet, sich mit ihnen konsruktiv auseinanderzusetzen und ihren Sinn zu verstehen, damit werden Ängste letztendlich auch reduziert. Das permanente Abwehren und Verleugnen von Ängsten bringt letztlich nichts, weil dadurch Bewältigung oder gesunder Umgang vermieden wird. Wenn man davonläuft, wird die Angst außerdem nicht weniger, sondern eher mehr. Zur realen Angst kommen irrationale Ängste und nicht selten bizarre Phantasien hinzu, die uns vom Eigentlichen ablenken. Sich dem stellen, wovor man Angst hat, sich informieren, darüber offen und sachlich sprechen und die Realität zulassen, sind wichtige Grundregeln im Umgang mit der Todesangst. Hilfreich ist eine Atmosphäre in Familie und Freundeskreis, die es erlaubt, diese Ängste offen auszusprechen. Aber auch Abwehr muss erlaubt sein, weil dauernde Angst nicht erträglich ist. Eine typische Abwehr-Reaktion ist der Schwarze Humor: Er hat wichtige Entlastungsfunktion und ist in Ordnung, solange er nicht die einzige Bewältigungsstrategie bleibt.
Wichtige Bewältigungsstrategien sind natürlich auch religiöse und philosophische Zugänge: Das Leben im Hier und Jetzt als einen Übergang ist ein nächstes Leben zu sehen, ist eine Strategie, welche sich viele Religionen als Hoffnung teilen, wenn auch die Vorstellungen darüber, wie dieses nächste Leben aussieht und wie man dorthin gelangen kann, recht unterschiedlich sind.
Aber auch der Gedanke, dass es danach „aus“ ist, kann Ängste reduzieren. So war Epikur von Samos (341-270 v.Chr.), der Begründer der epikuräisch-philosophischen Schule, der Überzeugung, dass sich die Seele nach dem Tod mit dem Körper auflöst, dass wir aber davor keine Angst zu haben brauchen, denn „das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.“ Gemeint ist, dass wir nach unserem Tod keine Verlusterfahrung mehr haben, weil wir nicht mehr sind und insofern kann es uns nicht schlecht gehen. Es kann uns also „egal sein“!
Ich finde, das ist eine tröstliche Antwort, grad für Leute wie mich, die sich nicht sicher sind, ob es danach weitergeht oder aber nicht. Aber trotzdem: Ganz kann auch mir der gute alte Epikur die Angst damit nicht nehmen und so lebe ich eben weiter mit ihr, bis ich tot bin und keine Angst mehr habe.





