Früher war der Leichenschmaus fixer Bestandteil der Trauerfeierlichkeiten und markierte sozusagen deren Abschluss, galt es doch jenen, die von weit her kamen, noch eine „Zehrung“ für den Heimweg zu geben. Für Trauerfamilie ist das gemeinsame Zusammensitzen aber auch ein Auffangbecken in einer größeren Runde und auch eine Art Wegzehrung und Stärkung im Hinblick auf den oft beschwerlichen Weg der Trauer. Findet ein Leichenschmaus statt, muss nach der Beisetzung keiner alleine nach Hause gehen und die Gefahr in ein großes schwarzes Loch zu fallen, wird reduziert. Was man gerade erlebt hat, kann gemeinsam verarbeitet werden: Man sitzt noch zusammen, spricht über die Trauerfeier bzw. die Beisetzung. Man hat Gelegenheit über den Pfarrer, den Trauerredner, den Bestatter oder andere Anwesende oder Ferngebliebene zu tratschen. Wer will, kann drüber sprechen, was besonders ergreifend oder was verpatzt war. Nach und nach werden Erinnerungen an den Verstorbenen ausgetauscht, Anekdoten erzählt. Das alles ist wichtig! Wichtig ist auch, dass die am stärksten vom Todesfall Betroffenen durch das gemeinsame Essen und Trinken auf sehr unmittelbare Weise erfahren können: „Es geht weiter! Auch wenn wir nicht wissen wie, das Leben geht weiter. Wir werden weiter essen, trinken, reden, zuhören …. Leben “
Heute höre ich immer wieder: „Es ist doch makaber und falsch, erst am Friedhof den Toten zu betrauern und dann im Gasthaus zu sitzen, wo es unvermeidlich recht bald lustig wird.“ Und dass ein Leichenschmaus nach den Trauerfeierlichkeiten stattfindet, ist heute wirklich gar nicht mehr so sicher. Manche finden ihn pietätlos, anderen geht es darum, sich das Geld zu sparen.
Dabei hat der Leichenschmaus noch eine weitere psychologisch sehr wichtige Funktion und diese Funktion haben gerade diejenigen, die ihn als makaber und pietätlos abtun, sehr gut erkannt: Es geht darum, dass es lustig wird!
Die Trauerfeier und die Beisetzung sind für alle Beteiligten, belastend. Gefühle brechen auf, was wichtig und gesund ist, aber auch anstrengend. Gleichzeitig sind die meisten auch bemüht, ihre aufbrechenden Gefühle zu regulieren, um die Überwältigung nicht in ihrem ganzen Umfang nach außen zu zeigen. Wenn der Schmerz zu groß wird, ist es psychologisch durchaus gesund, ihn zu regulieren. Sowohl der Ausdruck von überwältigenden Gefühlen als auch das Regulieren und Abwehren belastender Gefühle wird in der Fachliteratur als Gefühlsarbeit bezeichnet. Nach jeder schweren Arbeit braucht der Mensch auch eine Erholungsphase. Beim gemeinsamen Essen und Trinken kann man sich erholen, und zwar nicht nur körperlich: Es soll lockerer werden! Die gesunde Bewältigung von Trauer und Trauma wird auch nach der modernen Trauerpsychologie und Psychotraumatologie in einem Wechsel von Überwältigungs- und Erholungsphasen beschrieben.
Kinder regulieren ihren Trauerschmerz übrigens genauso: Sie sind traurig und weinen, wenn aber der Schmerz zu groß und zu bedrohlich wird, „vergessen“ sie ihn einfach für Minuten oder für Stunden. Sie spielen, lachen und toben als sei nichts passiert. Das ist ihre Form sich zu erholen. Wenn sich das Kind genügend erholt hat, kommen Trauergefühle wieder hoch und die Trauerarbeit findet ihre Fortsetzung.
Als Begleiter von Menschen in der Krise wissen wir: Wenn wir bei Trauernden ein Wechseln zwischen schmerhaften Trauerphasen und Erholung wahrnehmen können, dann sind sie auf einem guten Weg. Erholung in der Trauer findet statt, wenn der Trauernde bewusst oder unbewusst Ablenkung sucht oder wenn er zwischendurch ganz einfach eine gute Phase hat, in der er auch lachen kann und darf. Krankhaft entgleist Trauer dann, wenn Hinterbliebene in einem der beiden Zustände fixiert bleiben: Sie bleiben dann entweder in der Verleugnung von Trauer stecken, was die Bewältigungsarbeit blockiert oder aber sie bleiben in der Überwältigung stecken und kommen aus dem Trauma gar nicht nicht mehr heraus.
Der Leichenschmaus bringt also Erholung. Ungesund ist er nur dann, wenn Hinterbliebene nach dem Leichenschmaus aus dem „Erholungsmodus“ nicht mehr herauskommen, in ihm sozusagen stecken bleiben, um der Trauer mit Alkohol und anderen Ablenkungsstrategien dauerhaft entkommen zu versuchen. Sonst aber macht er für alle Beteiligten absolut Sinn. Wenn schon getrunken wird, ist es immer noch besser, gemeinsam auf den Verstorbenen zu trinken und sich dabei gegenseitig ein bisschen im Auge zu behalten, als alleine nach Hause zu gehen und da ist ja die Gefahr abzustürzen nicht gebannt, denn ein schwarzes Loch verschluckt meist nicht nur Kamillentee.





