Der Tod als traumatischer Einschnitt

images/stories/News/257864_r_by_johannes-blomeyer_pixelio.de.jpgDer Tod eines geliebten Menschen ist eine traumatische Situation. Ein Trauma ist wie ein Monster, das in das Leben eines Menschen einbricht. Es ist nicht nur schrecklich und macht Angst, es ist zunächst auch fremd, unbekannt und man kann deshalb auch nicht einschätzen und vorhersehen, wie es sich verhält.

Die Frage ist, wie gehe ich mit diesem Monster, das in mein Leben einbricht, um? Stell dir vor, dein Leben ist ein Zimmer: Du kannst dich wegdrehen und dich im hintersten Winkel verstecken und das Monster wird dich doch immer wieder heimsuchen und von hinten überfallen. Du kannst dem Monster aber auch gegenübertreten und sagen: Hallo, ich finde dich schrecklich, ich wollte dich nicht, aber da ich dich nicht wegzaubern kann, versuche ich das Beste draus zu machen und ich werde dich jetzt genau kennenlernen.

Ein traumatisches Ereignis befindet sich zunächst außerhalb der Erfahrungen unseres bisherigen Lebens. Um es auf gesunde Weise zu bewältigen, muss es "integriert" werden: Es muss eingeordnet werden, indem der Rahmen meines bisherigen Lebens erweitert, verändert und auch umgebaut wird, so dass das Trauma seinen Platz darin bekommt. Bildlich gesprochen: Ich muss das Zimmer umstrukturieren, ein paar Möbel umstellen, es vielleicht sogar erweitern, dass das Monster seinen fixen Platz bekommt.

Passive Bewältigungsstrategien versuchen das Monster auszublenden, es findet keine Auseinandersetzung damit statt, es bleibt unbekannt und unberechenbar. Es kommt „von hinten, überfallsartig“ immer wieder in Form von unkontrollierbaren Erinnerungen (Flashbacks), Albträumen, Gedanken und Gefühlschaos.

Aktive Bewältigungsstrategien sind Maßnahmen, mit denen ein Mensch dem Monster einen Platz zuweist und versucht es kennenzulernen, um besser mit ihm leben und es auch besser kontrollieren zu können. Aktive Strategien sind: Das Aufsuchen von Orten des Geschehens und der Erinnerung, das Lesen von Literatur, das bewusste Begehen von Jahrestagen nach einem Todesfall, das bewusste Erinnern, durch die Gestaltung von Erinnerungsalben, Erinnerungsecken und Gedenkseiten. Als enorm wichtig wird von Menschen in der Krise auch der Austausch mit Betroffenen in Selbsthilfe-Gruppen oder in Internet-Foren empfunden.


Was geschieht bei einer Traumatisierung?

Wenn ich mir einen Splitter einziehe, wird dieser vom Organismus abgekapselt und durch den Eiterprozess ausgestoßen. Im Grunde versucht unser Organismus das auch, wenn ein traumatisches Ereignis geschieht, er versucht als erste Reaktion "das Monster" abzukapseln und abzustoßen.

Das ist eine primitive Überlebensstrategie des Menschen, die dem Flucht-Impuls folgt. Wenn unmittelbar nach dem traumatischen Ereignis Schock und "Dissoziationen" (das sind Gedanken wie: „Das ist nicht wahr“, „Das passiert nicht mir!“, "Das ist nur ein schlimmer Traum") als Reaktionen entstehen, dann sind diese Reaktionen "Fluchtversuche", die als Schutzmaßnahmen zu verstehen sind.

Neben der Gefühlstaubheit und dem Schock reagiert der Organismus aber auch mit körperlicher Übererregung, weil er ja auf Flucht ist. Wichtig für den Verarbeitungsprozess ist es nun, allmählich aus dem Fluchtverhalten herauszukommen und die Realität Stück für Stück zu akzeptieren. Die Übererregung führt nämlich auf Dauer zu einem Erschöpfungszustand, der krank macht. 

Der gesunde Trauer- und Bewältigungsprozess verläuft durch ein Hin- und Herpendeln zwischen - einerseits der Konfrontation mit dem Ereignis und den damit einhergehenden Veränderungen und andererseits der Distanzierung zur Erholung.

  • Im Rahmen von so genannten "Intrusionen" und "Flashbacks" (=Wiedererinnern an das Trauma), Träumen und Übererregtheit findet Konfrontation und Verarbeitung statt. 
  • Vermeidung und Dissoziation stellen eine Art Schutz für den Betroffenen dar und halten die Überwältigung in einem bearbeitbaren Maß.

Um eine positive Bewältigung zu gewährleisten, ist es also notwendig, eine Balance/einen Wechsel zwischen Überwältigung und Vermeidung herzustellen.

Unterschied zwischen Erwachsenen und Kindern: Erwachsene bleiben länger in einem der beiden Zustände. Kinder wechseln schneller zwischen Realisieren und Vermeiden hin und her (sie sind z.B. traurig und weinen und im nächsten Moment spielen sie lachend mit den Klassenkollegen), weil sie Schmerz nicht so lange aushalten können wie Erwachsene.

Die Formel lautet also

Positive Bewältigung =  

Balance zwischen Überwältigung und Vermeidung


   Konfrontation  ---  Distanzierung

Realisieren     ---  Vermeiden

emotionale Überwältigung   ---  Abwehr/Gefühlstaubheit


Positiv = Pendeln zwischen den beiden Zuständen.

Negativ = Fixierung in einem Zustand.


Langfristiges Ziel ist es, durch das Hin- und Herpendeln zwischen Konfrontation und Distanzierung, das Trauma/Monster Stück für Stück in das eigene Leben zu integrieren.

Belastungsreaktionen:

Traumatische Erlebnisse können Belastungsreaktionen zur Folge haben, müssen aber nicht. Belastungsreaktionen sind keine Krankheiten, es sind normale Reaktionen auf ein nicht normales Ereignis.

Akute Belastungsreaktionen (Dauer:2 Tage, längstens 4 Wochen)

• Dissoziation: Gefühlstaubheit; Verlust der Erinnerung; das Gefühl, dass das alles nicht wahr bzw. ein schlechter Film oder Traum ist etc.

• Vermeidung: Nicht-Wahrhaben-Können, Abwehr von Erinnerungen, Vermeidung von Orten, Personen, Tätigkeiten, die Erinnerungen wachrufen

• Übererregtheit und Angst: Schreckhaftigkeit, Nervosität, Schlafstörungen, Appetitstörungen, Reizbarkeit

• Intrusionen, Flashbacks: Wiedererleben durch Bilder, Gedanken, Erinnerungen, Geräusche, Reminder

Die aktuen Belastungsreaktionen sollten in einem Wechsel zwischen überwältigenden Reaktionen und Reaktionen der Distanzierung nach einigen Tagen bis längstens 4 Wochen abklingen. Wenn die Reaktionen nicht schwächer werden und über 4 Wochen andauern, sollte eine Ambulanz für Psychiatrie oder Psychologie zur Abklärung aufgesucht werden.

Belastungsreaktionen, die länger als 4 Wochen andauern oder Wochen oder Monate nach dem Trauma zeitverzögert auftreten, werden als Posttraumatische Belastungsreaktionen bezeichnet. Diese sind an sich noch nicht krankhaft. Es ist allerdings sinnvoll, sich Unterstütung von Arzt oder Psychologen zu holen, um eine Chronifizierung der Symptome, körperliche Erkrankung (Somatisierung) und das Kippen in einen krankhaften Prozess zu verhindern.

Folgeartikel "Gefahren der Traumatisierung" demnächst hier, im ASPETOS-News-Magazin!


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