Weihnachten und Neujahr stehen wieder vor der Tür. Was für die einen das Fest der Freude und Familie ist, ist für diejenigen, die ein Familienmitglied, einen Partner oder Freund verloren haben, kein Frohes Fest mehr, im Gegenteil – es sind schlimme Tage, an denen das Fehlen der Verstorbenen besonders schmerzhaft bewusst wird.
Vergangene Woche haben wir in unserer Trauergruppe für trauernde Eltern über die Bedeutung von Weihnachten nach dem Verlust eines Kindes gesprochen. Zwar gehen die betroffenen Eltern ganz unterschiedlich an diese Tage heran, aber mir ist wieder einmal aufgefallen, dass Trauernde diesen Tagen zwar mit großer Angst entgegenblicken, die wenigsten überlegen sich aber Strukturen und Strategien, wie sie diese Tage verbringen können. Die Angst vor Weihnachten und Silvester ist lähmend: Man hofft, dass sie „irgendwie vorbeigehen“. Dennoch möchte ich alle Betroffenen erinnern: Plant, strukturiert, überlegt euch, was ihr wann machen wollt und was nicht! Struktur verhindert am ehesten, dass ihr gänzlich in das schwarze Loch fallt, vor dem ihr euch so fürchtet. Plan und Struktur helfen, verplant aber eure Trauer nicht gänzlich! Gebt ihr bewusst auch Raum und Zeit, denn ihr könnt sie nicht verhindern. Beziehungsweise: Ihr könnt sie schon verdrängen, die Trauer, aber dann holt sie euch eben später umso heftiger ein:
„Gefühle sind im Grunde genommen wie eine Grippe. Wenn du sie verschleppst, bekommst du sie nach einer Weile umso härter vor die Rübe geknallt.“ Das ist ein Vergleich, der mir sehr gut gefällt, er stammt aus dem niederländischen Roman-Zweiteiler von Kluun.[1]
Für eine Bekannte von mir, deren Tochter vor Jahren gestorben ist, ist Weihnachten seither nur mehr ein Krampf und ein Kampf. Jedes Jahr lädt sie die gesamte Familie über die Feiertage zu sich ein. Sie beschreibt es so: „Die Hektik und die Arbeit, die durch diesen Besuch entstehen, lassen mich funktionieren, da bin ich abgelenkt, weil ich den ganzen Tag auf Trab bin und dann abends völlig erschöpft ins Bett kippe. Aber mir graut schon wieder so davor! Mir ist überhaupt nicht danach zumute! Ich möchte sie alle jedes Jahr ausladen, irgendwo hinfahren, aber es ist halt so Tradition und ich trau mich nicht, denen abzusagen.“
Liebe Trauernde: Ich möchte euch ermutigen, aus alten Traditionen auszubrechen, wenn sie euch nicht mehr gut tun. Traditionen geben an sich Halt, aber manchmal können sie unglaublich belastend sein – vor allem dann, wenn Trauernde um des lieben Familienfestes Willen glauben, schauspielern zu müssen. Ihr müsst nicht schauspielern und schon gar nicht müsst ihr dauernd auf andere Rücksicht nehmen, um ihren Feiertagsfrieden nicht zu stören. Es ist weder gut, sich von Emotionen völlig überwältigt in ein Loch fallen zu lassen, es ist aber auch nicht gut, Trauer völlig zu verdrängen. Es geht auch an diesen Tagen darum, den Balance-Akt zwischen dem „Zulassen von Trauer“ und der „Ablenkung/Erholung von der Trauer“ zu schaffen:
Ein paar Gedanken zur Gestaltung der Weihnachtsfeiertage habe ich im Ratgeber unter Frohes Fest? - die Feiertage "überleben" zusammengefasst. Hier gehts zum TrauerRatgeber:
http://www.aspetos.at/news/index.php/ratgeber/religion/567-frohes-fest-die-feiertage-ueberleben
http://www.aspetos.at/news/index.php/ratgeber/religion/567-frohes-fest-die-feiertage-ueberleben
Für Tröstende: "Was wirklich tröstet und hilft ..."
Ein weiteres Thema ist mir noch wichtig und zwar: Wie sollen sich denn Freunde und Angehörige verhalten? Wie können sie Trost und Halt geben, wo es scheinbar keinen Trost gibt, wo Trösten-Wollen sogar völlig in die Hose gehen kann?
Im TrauerForum haben Betroffene selbst formuliert, was ihnen hilft und was nicht. Ich möchte alle Menschen, die mit trauernden Angehörigen und Freunden zu tun haben und hilfreich sein wollen, ermutigen, diese Zeilen zu lesen, denn es sind wertvolle Tipps und Erfahrungen von den Betroffenen selbst:
Was mir geholfen hat:
- Das Zusammenstehen eines Dorfes - die vielen guten Kuchen, die wir in dieser Zeit bekommen haben
- Stille Umarmungen, wortlose Begegnungen
- Die vielen Jugendlichen, die so einfach, ungkünstelt und ungehemmt mit ihrer Trauer umgegangen sind
- Die Anteilnahme beim Beten, zu den offiziellen Zeiten und einfach so zwischendurch - bei uns wars im Haus, da war richtig viel los
- Am meisten getröstet haben mich Menschen, die mich einfach ohne Worte umarmt haben.
- Menschen, die mir ehrlich gesagt haben, sie finden einfach keine Worte für das Geschehene.
- Menschen die mir gesagt haben, wie sehr sie ihn gemocht haben, bevor ich über ihn zu reden angefangen habe.
- Jedes kleine Wort - eben auch nach längerer Zeit - es ist nichts vorbei!
- Einfach angesprochen werden
- Über den Verstorbenen sprechen - keine Angst, man reißt keine Wunden auf, sie sind meist noch nicht mal verheilt...
- Anrufen und Nachfragen, auch wenn die Beerdigung schon lange vorbei ist - denn das "Loch" kommt meist später, wie wir wissen, und man hat selbst nicht die Kraft jemanden anzurufen...
- Praktische Hilfe (zb. Wäsche bügeln und Blumen gießen, Babysitten, Einkaufen, Haushaltserledigungen, mal den Hund abnehmen, etc...) - das hilft sicher auch gegen die Hilflosigkeit
- Die Anrufe meiner Freundin - macht man selber nicht mehr
- Blumen, Kerzen, Zeichen am Grab, an der Unfallstelle
- Gemeinsame Besuche auf dem Friedhof oder Hilfe bei der Grabpflege
- Den Betroffenen mit Unternehmungen etwas aus der Trauer locken, aber auch Verständnis haben, wenn die Person für Ablenkung noch oder gerade nicht bereit ist...
- Den Betroffenen immer mal anstupsen, dass er sich was gutes Tun soll - dass er auf die eigenen Bedürfnisse nicht vergisst - trotz all der Trauer
- Auch wenn es schwer fällt, weil man selbst keinen großen Verlust erlitten hat, einfach versuchen, sich in die Person hineinzufühlen, zuhören und auch mal wortlos dasein.
- Toleranz für den individuellen Trauerweg des Betroffenen - jeder Mensch geht anders damit um!
- Dem Verstorbenen den Platz geben, den er auch weiterhin in der Trauerfamilie haben wird
Was überhaupt nicht tröstet oder sogar sehr kränken kann:
- Den Jahrestag übergehen aus Angst vor was auch immer...
- Den Betroffenen dazu drängen, z.B. das Zimmer oder persönliche Erinnerungsstücke um- oder wegzuräumen. - Den Zeitpunkt dafür muss der Betroffene selbst wählen!
- Den Schmerz des Betroffenen zu bewerten, indem man z.B. seine eigenen Erfahrungen mit dem Tod als schlimmer darstellt...
- Floskeln wie "Alles geht vorbei!" oder "Die Zeit heilt alle Wunden!"
- Worte wie: Es ist besser so... jetzt habt ihr einen Engel
- Die Guten holt der liebe Gott zuerst – (sind alle anderen schlechter????????)
- Hast ja noch Kinder
Wer weiß, wofür es gut ist
Geht dir eh ganz gut, schaust gut aus............
- Krampfhafte Versuche irgendwie Hoffnung zu schenken in einer Zeit, wo die Hoffnung für den Betroffenen einfach nicht greifbar ist...
- Gefühlsausbrüche des Betroffenen stoppen - mit "Er oder sie möchte sicher nicht, dass Du weinst..." o. ä.
Die Trauer zeitlich eingrenzen - zb. Fragen, ob der Betroffene nach 6 Monaten schon drüber weg ist, o. ä.
- Verlangen, dass der Trauernde nach kurzer Zeit schon zu funktionieren hat (egal ob für Beruf oder die Familie)
- "Du bist eh immer so stark, dass schaffst du auch noch, sicher, bestimmt, wer, wenn nicht du...."
- Unüberlegtheit bei manchen Sätzen: Wieso geht es dir schlecht---- nach 3-4 Monaten --- immer noch?
Alle „Does and Don’ts“ im Umgang mit Trauernden könnt ihr unter folgendem Link nachlesen:
http://www.aspetos.at/forum/index.php?page=Thread&threadID=547
In jedem Fall ist es aber immer gut nach der Devise "Fragen nicht Vermuten" vorzugehen. Fragt einfach nach, was ihr tun könnt, um zu helfen, und akzeptiert bzw. seid nicht gekränkt, wenn eure Hilfe im Moment nicht gebraucht wird. Vielleicht werdet ihr zu einem späteren Zeitpunkt gebraucht. Signalisiert einfach Gesprächs- und Hilfsbereitschaft.
In diesem Sinne wünschen wir allen unseren LeserInnen, dass diese Tage gelingen mögen, wenn sie für viele unter euch auch eine Herausforderung und schwer sind!
Christine und das ASPETOS-Team
[1] Kluun erzählt in den beiden Romanen die Geschichte einer jungen Familie, in der eine junge Mutter an Brustkrebs erkrankt (1. Teil „Mitten ins Gesicht“) und schließlich stirbt (2.Teil „Ohne sie“). Der Zweiteiler ist harte Lesekost, ein moderner Pop-Roman in der Sprache der Jungen und ohne geheuchelte Moral, denn nachdem sich die junge Frau für das Beenden ihrer Qualen durch aktive Sterbehilfe entschlossen hat, neigt der junge verwitwete Mann zunächst zu recht krassen Strategien, um den Tod seiner Frau zu „vergessen“. Dennoch - er findet schließlich einen guten Weg der Trauerarbeit für sich und seine kleine Tochter.





