„Schrecklich, dass der Tod von Amy Winehouse mehr Menschen erschüttert als all die Opfer, die durch ein Attentat in Norwegen ermordet wurden!! Amy Winehouse ist für ihren Tod selbst verantwortlich, die 98 Opfer wohl nicht!!!“, postete eine meiner Freundinnen auf ihre Facebook-Pinwand und bekam sofort einige „Gefällt mir“-Thumbs-up.
Die Beobachtung meiner Freundin ist richtig und ich gestehe, mir ging es am Wochenende wie wohl vielen: Der Tod von Amy Winehouse machte mich mehr betroffen als die Meldung vom Tod über 90 unschuldiger Opfer nach dem Terrorakt eines Wahnsinnigen auf der norwegischen Ferieninsel Utoya.
Bin ich deshalb unmoralisch oder irgendwie verdreht? Nein, ganz sicher nicht. Wer so reagiert, ist völlig normal, das ist ein Schutzprogramm unserer Psyche: Sie reagiert mit Trauer, nur wenn es sein muss und mit großer Betroffenheit auch nur dann, wenn man sich mit Opfern identifizieren kann, das schützt uns vor zu viel Belastung und vor allem vor Traumatisierung.
Ein Beispiel: Eigentlich sollte ich viel stärker von der Ermordung von über 6 Millionen Juden betroffen sein, als vom natürlichen Tod meiner Eltern, aber es ist klar, dass mich der Tod meiner Eltern viel schwerer trifft und auch Trauer auslöst, weil ich eine Beziehung zu ihnen hatte.
Nur weil wir Menschen von Natur aus mit einer natürlichen Distanz ausgestattet sind, können Menschen, welche nicht "unmittelbar betroffen" sind, Einsätze wie auf der Ferieninsel Utoya durchführen. Nur so kann ich meinen Beruf als Bestatterin ausüben. Hätten wir Menschen diese Distanz nicht, würden nach so einem Ereignis alle Menschen mit Trauer und Traumatisierung reagieren und es wäre keiner mehr in der Lage, den direkt und tatsächlich Betroffenen zu helfen.
Zur Unterscheidung vonTrauer und Betroffenheit:
- Trauer ist eine dem Menschen angeborene Reaktion auf Verlust-Erlebnisse, löst einen Bewältigungsprozess aus, kann aber nur entstehen, wenn ich einen Menschen kenne und eine persönliche Beziehung zu ihm habe.
- Betroffenheit ist entweder eine Form des Mitgefühls, wenn ich mich als Außenstehender in irgendeiner Weise mit Angehörigen oder Opfern identifizieren kann
- Betroffenheit ist oft auch nur eine Haltung, die ich nach außen zeige, weil man es von mir erwartet, weil sie zu unseren Konventionen gehört. Wenn ich diese "moralische" Betroffenheit zeige, dann gebe ich mich ernst, mache keine Witze etc. bin aber nicht wirklich schwer betroffen.
- Mitgefühl und Betroffenheit sind milde Reaktionen, die aber keinen wirklich langfristigen Trauer- oder Bewältigungsprozess in Gang setzen.
Wer ein echter Winehouse-Fan ist oder gar mit ihr direkt befreundet oder verwandt war, wird nun echte Trauer verspüren. Die Intensität der Trauer und die Dauer des Verarbeitungsprozesses hängen davon ab, wie eng die Bindung an die verstorbene Sängerin war. Wer sie nur kannte und ihre Stimme mochte, der wird eher mit Betroffenheit reagieren. Auch wenn sie selbst es war, die durch den Missbrauch von Alkohol und Drogen ihr Lebensende herbeiführte, würde ich niemals sagen, sie „ist selbst schuld“. Sucht bedeutet ja, dass man abhängig ist, es nicht freiwillig macht. Wer dermaßen autoaggressiv mit sich selbst umgeht, der hat sein Leben nicht im Griff, dem geht’s gar nicht gut und solche Menschen kommen oft aus dem tödlichen Teufelskreis nicht mehr raus. Ein Leben auf der Bühne, in der Öffentlichkeit und der Erfolgsdruck sind zusätzlich keine Rahmenbedingungen dafür, von Drogen und Alkohol wegzukommen. Betroffen bin ich von Winehouse‘ Tod auch, weil sie für die vielen steht, die Opfer dieser Sucht werden und das sind viel mehr als 100 Menschen.
So brutal die Anschläge in Norwegen auch waren, so viele unschuldige Menschen – vor allem Jugendliche – dabei auch ums Leben kamen, wir kennen sie nicht. Es ist eine anonyme Masse. Und außerdem eine so große Anzahl, dass sich unsere Psyche zudem schwer tut, das Geschehene überhaupt zu fassen.
Deshalb reagieren wir auch nicht mit Trauer, sondern mit Betroffenheit. Diese Betroffenheit wird bei einigen echte Betroffenheit sein, weil sie durch irgendein Detail dieses Terroraktes an ein eigenes krisenhaftes oder traumatisches Erlebnis erinnert werden. Viele reagieren aber jetzt auch "nur" mit einer moralischen Betroffenheit, weil man sich eben so verhält, wenn etwas so Schreckliches auf der Welt geschieht. Nach Oslo und Utoya reagieren viele von uns auch mit einer Art Schock nach einem traumatischen Ereignis, weil die Wahnsinnstat in eine heile Urlaubswelt einer „offenen Gesellschaft“ in einem freien Land eingebrochen ist. Und alles, was wir von diesem Täter hören, wirkt zudem so krank und irreal, dass wir uns zum derzeitigen Zeitpunkt - also nur 4 Tage danach - einfach schwer tun, es für wirklich zu halten. Ich lese die Zeitungsberichte, schau mir die Nachrichten darüber an, sehe Bilder und habe das Gefühl: Das ist ein schlechter Film.
Und: Es wird eine Zeit brauchen, bis wir das Geschehene wirklich realisiert haben.





