„Früher wurden Trauernde von der Familie, von der Dorfgemeinschaft und von der Kirche aufgefangen - heute fühlen sich immer mehr Menschen in ihrer Trauer alleingelassen“, wird oft behauptet.
Ob Trauernden früher tatsächlich so viel besser von ihren Familien aufgefangen wurden?
Menschen weichen Trauernden grundsätzlich gerne aus, diese sind nämlich anstrengend: Es geht ihnen nicht gut, sie erzählen immer dieselben Geschichten von ihren Verstorbenen, sie verklären ihre Verstorbenen nicht selten … und viele Menschen wissen einfach nicht, wie sie sich Trauernden gegenüber verhalten sollen. Diese Unsicherheit erzeugt Angst und Sprachlosigkeit und dann weicht man eben aus. Das war früher nicht anders!
Das Trauerjahr war außerdem mit strengen Regeln verbunden und erzeugte großen moralischen Druck und gesellschaftliche Erwartungen, die mit den Bedürfnissen des einzelnen selten übereinstimmten. Da der Trauernde aber eingebunden war in Großfamilie, Religions- und Dorfgemeinschaft ist die Vereinsamung, die wir heute feststellen, nicht so krass aufgefallen. Tatsache ist aber: Man kann auch in einer Gemeinschaft einsam und Außenseiter sein. Die strengen moralischen Vorschriften, die es im Trauerjahr gab und die Sprachlosigkeit waren guter Nährboden für Vereinsamung in der Gemeinschaft.
Wir haben heute immer mehr Singles und Kleinfamilien. Im städtischen Bereich werden Nachbarschaft und Vereinsleben sicher nicht so gepflegt wie in dörflichen Strukturen. Das ist ein Problem beziehungsweise eine Hürde für Trauernde, allerdings kann es auch von Vorteil und gesünder sein, wenn man sich die Menschen, die einem gut tun, selbst wählen kann. Die Einbindung in eine vorgegebene Gemeinschaft heißt auch, dass man mit den Menschen, die dazugehören, leben muss. Und diese Voraussetzung schafft zahlreiche Möglichkeiten von Konflikten, Kränkungen, Verletzungen, Aggressionen und auch Hassgefühlen.
Klar ist aber: Das Nichteingebundensein in keine Gemeinschaft verschärft die Situation, weil die Gefahr groß ist, dass sich Betroffene zurückziehen, keinen Anschluss suchen und so den Kontakt zu anderen Menschen verlieren. Sie haben dann gar niemanden parat, mit dem sie reden könnten. Es ist die Aufgabe von Institutionen hier Auffangnetze bereitzustellen: Diese Aufgabe können heute nicht mehr nur die Kirchen erfüllen, da die unterschiedlichen Weltanschauungen einer pluralistischen Gesellschaft auch sehr induviduelle Bedürfnisse und Wertigkeiten beim einzelnen Trauernden als Folge nach sich ziehen. Selbsthilfegruppen und weltanschaulich neutrale Organisationen, trauerpsychologisch ausgebildete Fachpersonen oder eben auch ein Online-Trauer-Portale wie Aspetos.at, das von Bestattunsunternehmen getragen wird, bieten ein wesentlich breiteres Angebot an Unterstützugs- und Begleitungsmöglichkeiten als noch vor 10 oder 20 Jahren. Der Einzelne hat die Wahl und findet heute auch leichter ein Angebot, das seinen Bedürfnissen entspricht.
Im Internet haben Angehörige die Möglichkeit, sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen und sie bleiben außerdem so anonym wie sie wollen. Für viele Trauernde ist Anonymität wichtig, weil sie sich dadurch vor Stigmatisierung schützen können: Das Internet bietet also Vernetzung und Anonymität zugleich, ich kann den Schritt in eine Gruppe direkt von meinem PC aus machen. Ich kann Kontakt zu Fachpersonen oder anderen Trauernden suchen in genau dem Moment, in dem ich das Bedürfnis dazu habe, muss mich nicht nach Terminen richten. Das Finden von Menschen, die ein sehr ähnliches Schicksal haben, wird erleichtert oder überhaupt erst mögich: Wenn sich die Mutter eines ertrunkenen Buben in Tirol mit einer Mutter in der Steiermark und einer Mutter in Berlin austauschen kann, denen das gleiche oder ein ähnliches Schicksal wiederfahren ist, dann sind das Möglichkeiten und Chancen der Vernetzung, die es vor 15 oder 20 Jahren noch nicht gegeben hat.
Es war drüher vieles anders, vielleicht war einiges wirklich besser, aber die Möglicheiten waren begrenzt, da "die Welt kleiner war". Ich möchte jedenfalls nicht mehr tauschen.
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