Mit einer Gruppe von trauernden Eltern in den Weihnachtsfeiertagen zum „Krippen-Schauen“ zu gehen, das hätten wir uns noch vor 3 Jahren nicht getraut. Mittelpunkt einer Weihnachtskrippe ist ja immerhin ein Kind. Um dieses Christkind geht es die ganze Weihnachtszeit und gerade für Eltern, die ein Kind verloren haben, ist die Weihnachtszeit natürlich eine besonders sensible und schmerzhafte Zeit im Jahr.
Mittlerweile gibt es unsere "Gruppe für trauernde Eltern nach Unfall, Suizid und Krankheit" seit drei Jahren und wir sind inzwischen ein eingeschweißtes Team aus betroffenen Eltern, deren Verlust unterschiedlich lange zurück liegt, und zwei Trauer-Fachfrauen.
Was in einer Trauergruppe alles geschieht, wie die Treffen von Trauernden ablaufen, ist für viele Menschen nur schwer vorstellbar beziehungsweise wird mit falschen Vorstellungen verknüpft. Klar gibt es Tränen, aber eben nicht nur. Es ist ein vielfältiges, ja geradezu buntes Programm, auf das wir am Ende eines gemeinsamen Jahre zurückblicken können, denn es gestaltet sich nach den Themen des Jahreskreises und nach den vielfältigen unterschiedlichen Bedürfnissen der betroffenen Eltern.
Zentral ist natürlich der Austausch zwischen den Betroffenen: Da geht es um den Schmerz und wie man ihn erträglicher gestalten kann, um die große Wut, die quälenden Fragen von Schuld und vom Sinn des Ganzen. Häufiges Thema sind familiäre Konflikte, die sich aus den unterschiedlichen Arten der Trauer einzelner Familienmitglieder ergeben. Immer wieder werden Trauernde durch Aussagen oder „gut gemeinte“ Tröstungsversuche verletzt: „Wie reagiere ich, wenn mich jemand verletzt? Wie kann ich ein dickeres Fell bekommen, dass mir diese Bemerkungen und Killerphrasen nicht mehr so nah gehen?“, wird dann gefragt und jeder hat da so seine Rezepte. Und wir kennen es aus der Küchenpraxis: Rezepte kann man tauschen und es lohnt sich ab und an, was Neues zu probieren.
All das hat Platz bei unseren Treffen. Einige Mitglieder sind schon von Anfang an dabei. Immer wieder stoßen Neue zu uns, bei denen der Verlust noch sehr frisch ist. „Wie kann man den Tod eines Kindes überhaupt überleben?“, ist eine zentrale Frage am Beginn des Trauerprozesses. Die mittlerweile in ihrer Trauer erfahrenen Eltern haben inzwischen die Aufgabe übernommen, „die Neuen“ aufzufangen, zu ermutigen und sie mit Tipps zu unterstützen. Ein Ratschlag, der von einem Betroffenen kommt, ist viel wertvoller und bedeutsamer als ein Ratschlag von einem Außenstehenden. „Ratschläge“ von Außenstehenden sind zwar oft gut gemeint, aber nicht selten wirken sie verletzend – wie „Schläge“ eben. Regelmäßig gibt es auch kurze fachliche Inputs zu einem in der Gruppe gerade aktuellen Thema durch die Gruppenbegleiterinnen.
Einen wichtigen Beitrag zur Trauerarbeit leisten Rituale: Rituale sind bewusste und bedeutsame Handlungen, welche Gefühle bündeln und über die rituelle Handlung kontrolliert abfließen lassen. Immer wieder gestalten wir Trauer-, Gedenk- aber auch Wut-Rituale, denn nicht alles kann allein rational über Gespräche bearbeitet werden: Emotionen brauchen noch andere Kanäle. Im Herbst haben wir einen Gedenkteppich gestaltet: Eine Künstlerin fertigte für uns einen Teppich an, auf dem ein tief verwurzelter Baum dargestellt ist. In der Gruppe filzten wir dann gemeinsam „Früchtchen“. Jedes „Früchtchen“ auf dem Baum steht für ein verstorbenes Kind in unserer Gruppe.
Bei unseren Treffen teilen wir alle Gefühle, natürlich auch die Freude: Im November gab es ein besonders freudiges Ereignis. Familie E. hat im Juli vor zweieinhalb Jahren ihren Sohn Sebastian durch einen furchtbaren Unfall verloren. Heuer im November freuten wir uns alle mit ihnen über die Geburt von Elena.
Immer wieder gibt es gemeinsame Ausflüge und Unternehmungen. Als Fixtermin für einen Ausflug hat sich der Tag vor der letzten Rauhnacht, also der 5. Jänner, herauskristallisiert. Im vergangenen Jahr besuchten wir das Notburga-Kirchlein in Eben am Achensee und beschäftigten uns mit dem Sagenbereich der Holla , Hertha und Notburga: Holla und Hertha waren Weiße Frauen aus dem germanischen Sagenkreis und galten als „Schutzgöttinnen“ der verstorbene Kinder. In der letzten Rauhnacht kommen der Sage nach Holla und Hertha, um sich der Seelen der Kinder anzunehmen und sie an einen schönen Ort zu geleiten. Besonders im Unterland, am Achensee sind Hertha und die Frau vom Sonnwendjoch bekannte Sagengestalt, die dann im Christentum von der Hl. Notburga abgelöst wurden. Von daher ist der Tag vor der letzten Rauhnacht ein symbolisch wichtiger Termin für unsere Gruppe geworden. Heuer entschieden wir uns für einen anderen Tiroler Brauch – das „Krippele-Schauen“, das in manchen Dörfern Tradition ist. Dabei geht man von einem Krippen-Haus zum nächsten und besichtigt die dort aufgebauten Weihnachtskrippen und so manche Gruppe gibt eine gesangliche Darbietung zum Besten: Das nennt man dann „Krippele-Singen“.
Gut gelaunt und schwatzend machten wir uns am Nachmittag des 5. Jänner samt Baby Elena im Kinderwagen auf den Weg durch Rum bei Innsbruck: 3 Krippen-Häuser und eine Kapelle waren unser Ziel. Unsere erste Station war das Purnerweindl-Haus, wo uns der Purnerweindl-Franz zu allererst einmal das Grundlagenwissen beibrachte. Die Krippen-Wissenschaft ist nämlich eine ganz eigene Wissenschaft! Und wer könnte sie besser beherrschen als der Franz, stammen doch er und sein Bruder Josef aus einer alteingesessenen Schnitzer- und Krippenbauerfamilie. Anschließend ans Fachliche gab es den ersten Schnaps und ein Gloria-Lied, das uns noch schwer über die Lippen kam.
Nächste Station: Das Messmer-Haus, wo uns Maria Hölbling mit einem Keksteller empfing. Auch hier steht eine Purnerweindl-Krippe und jedes Jahr kommen neue Figuren dazu. Eine Besonderheit ist der Hirte mit dem Buben: Die beiden Figuren sind nach Marias Mann und dem gemeinsamen Sohn geschnitzt und sie schauen auch wirklich genauso aus wie die beiden: Ein Miniatur-Josef-Hölbling mit Sohn. Nach einer ersten Stillpause, da Elena Hunger bekam, und dem 2. Schnaps kamen uns „Es wird scho glei dumpa“ und „Es hat sich halt eröffnet“ schon recht locker über die Lippen, außerdem outeten wir uns spontan als „1. Tiroler Trauerchor, der – wenn er nicht grad traurig ist – auch ganz lustig sein kann“.
3. Station war das Geiger-Haus in der Bauerngasse. Heindl und Helga führten uns in die uralte gemütliche Bauernstube. Dort steht eine Krippe, die sich schon seit Jahrzehnten im Besitz der Familie befindet. Manche Figuren und der Krippenberg sind sehr alt und immer wieder sind auch neuere Figuren dazugekommen. Der Heindl hat die Krippe von seinem Vater geerbt und erzählt: „Wie der Vater mir g‘sagt hat, die Krippe bleibt im Haus und sie gehört mir, hab i vor Freud weinen ang‘fangen.“ Und dass die Freude immer noch da ist, merkt man an seiner Begeisterung, wenn er erklärt und an der Liebe zum Detail: Denn in der Krippe gibt es zahlreiche echte ganz kleine Kakteen, die der Heindl einmal die Woche mit einer Spritze „gießt“. Dritte Station – dritter
Schnaps! Und nach Helgas selbst angesetztem Zirbenschnaps tönt die nunmehr schon dritte Gesangseinlage dann ganz automatisch.
In der Zwischenzeit bestens gelaunt, konnte uns auch das schlimme Regenwetter den Tag nicht vermiesen. Bevor wir uns zu einem geselligen Abend zusammensetzten, machten wir bei der Krippe in der Marienkapelle halt und zündeten noch Kerzen für unsere verstorbenen Kinder an. Da durften dann auch wieder der Schmerz und auch Tränen hochkommen. Aber dann ging‘s zum gemütlichen Zusammensitzen bei einer Jause. Nach drei Schnäpsen war kein Wein mehr nötig, die Nachwirkung vom Schnaps, Tee und Apfelsaft reichten uns völlig.
Für Aspetos: DGKS Patrizia Picher
Patrizia Pichler leitet die Trauergruppe "Trauernde Eltern nach Unfall, Suizid und Krankheit" in Innsbruck und ist Lebens- und Trauerbegleiterin, Myroagogin, Hospizfachfrau und Trainerin für Palliativ Care.





