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Billiger Trost - wahrer Trost? Wo liegt der Unterschied?

Geschrieben von Dr. Christine Pernlochner-Kügler am . Veröffentlicht in Trauerarbeit

546348_web_r_by_damaris_pixelio.de.jpgHeute wirkt der Begriff „Trost“ fast veraltet und hat außerdem einen negativen Beigeschmack, denn wir kennen ihn umgangssprachlich vor allem aus Alltagsbegriffen wie Trostpreis, Trostpflaster, trostlos, vertrösten, nicht ganz bei Trost sein, über etwas hinwegtrösten …

Das klingt so, als ginge es beim Trösten darum, das Aufbrechen von schmerzhaften Gefühlen durch eine oberflächliche Behandlung zu verhindern: „Da hast du ein Trostpflaster und jetzt hör auf jammern.“

 

Jemanden von seinen Gefühlen wegzubringen, die trotzdem da sind, ist „billiger Trost“. Dieser hat trauerpsychologisch verheerende Konsequenzen, weil er die Entfaltung von an sich heilsamen Trauer-Gefühlen verhindern will. Wer billigen Trost schon am eigenen Leib erfahren hat, der weiß, dass er nicht tröstet. Das Gegenteil ist der Fall: Er wirkt verletzend, weil er über unsere Gefühle hinweggeht, sie wegwischen will und unser Bedürfnis nach Zuwendung und Einfühlsamkeit ignoriert.

 

Trauer ist der halbe Trost

„Lange saßen sie dort und hatten es schwer. Aber sie hatten es gemeinsam schwer und das war ein Trost. Leicht war es trotzdem nicht.“ (Astrid Lindgren: Ronja Räubertochter)

Trost wirkt hingegen dann positiv, also wirklich tröstend, wenn meine Haltung und meine Handlungen zum Ziel haben, einer Person in ihrem Leid beizustehen, für sie da zu sein, weil mein Dasein Gefühle von Niedergeschlagenheit, Einsamkeit und Hilflosigkeit reduziert, und wenn ich auch intensiven Gefühlen Raum lasse. Wenn ein Mensch Trauer und Schmerz rauslassen kann, dann ist der Ausdruck dieser Gefühle wirklich  schon „der halbe Trost“, wie es Marlene Mitscherlich treffend beschrieben hat. Was ist aber die andere Hälfte?

 

Aussagen von Betroffenen zufolge, hat wahrer Trost 3 Komponenten:

1. Begegnung mit echtem Interesse und Einfühlungsvermögen

Gerade unmittelbar nach einem Todesfall oder einem anderen erschütternden Ereignis, reagieren Betroffene mit Betäubung und Schock. Schock lässt einen Erstarren oder mechanisch aktiv werden: Man fühlt sich wie in einem Film, alles ist unwirklich, man spürt sich selbst nicht mehr. Durch hilfreiche Begegnungen können Betroffene leichter wieder in Kontakt zu sich selber kommen, sich wieder spüren. Dadurch kann sich die Schockstarre lösen, Gefühle können sich entfalten und Bedürfnisse können wieder wahrgenommen werden. Hilfreiche Begegnungen, das ist der Beistand von Menschen, die Betroffene beim Realisieren des Verlustes und des Trauerschmerzes begleiten und immer wieder nachfragen, welche Gefühle und Bedürfnisse der Betroffene gerade hat, sodass er sich wieder spüren kann. „Wie geht es dir?“, „Hast du einen Wunsch?“, „Kann ich etwas für dich tun, dass es dir besser geht?“, „Gibt es etwas, das jetzt wichtig ist zu tun?“, „Wie kann ich dir helfen?“ … das sind Fragen, die Menschen im Ausnahmezustand dabei helfen, sich in ihrer Bedürfnislage wieder wahrzunehmen.

2. Beziehung

Trauernde Menschen wollen sich meist zurückziehen. Rückzug ist verständlich. Man braucht ja auch Zeit für sich und der Wunsch nach Rückzug ist auch ein Schutz. Allerdings darf daraus keine Isolation werden. Wer in Beziehung zu anderen Menschen bleibt, vergrößert die Chance getröstet zu werden. Er wird sicher auch leicht verletzt, aber hier gilt es zu lernen, sich von denen abzugrenzen, die einem nicht (mehr) gut tun und jene zu suchen, die einem Unterstützung und wahren Trost bieten. Bei den meisten Trauernden ändert sich der Freundes- und Bekanntenkreis nach einem Verlust gravierend.

Beziehung zu anderen Menschen findet man in der Arbeit, durch Aktivitäten außer Haus, in Trauergruppen, beim Friedhofsbesuch, durch gemeinsames Essen und Trinken und auch indem man gemeinsame Rituale pflegt.

3. Berührung

Wenn wir ein Kind trösten, berühren wir es. Berührung ist oft auch die einzige Möglichkeit, um einen Kontakt zu einer Person im Ausnahmezustand herzustellen. Mit Körperkontakt muss man allerdings vorsichtig sein, da sie von Betroffenen leicht falsch bzw. übergriffig verstanden werden kann. Wenn Berührung eingesetzt wird, dann gilt es, sie möglichst kurz und statisch zu halten. Am unverfänglichsten ist eine kurze Initialberührung an Oberarm oder Schulter. Streichelnde Bewegungen sind tabu. Umarmungen sind nur passend, wenn eine entsprechend enge Beziehung zum Betroffenen gegeben ist.

Berührung kann ich als Betroffener aber auch selbst suchen: bei meinem Partner (Kuscheln) oder wenn ich alleine bin durch ein warmes Bad, kuschelige Kleidung und kuscheliges Sofa, mich mit einer guten Creme oder einem Öl eincremen oder sogar massieren lassen. All das empfinden wir Menschen als tröstend.

 

Billiger Trost und wahrer Trost lassen sich eigentlich leicht unterscheiden, denn Betroffene spüren intuitiv ganz genau, wer ihnen gut tut und wer nicht. Wichtig ist, dass sie lernen, diesem Gefühl zu trauen und sich gegebenenfalls abzugrenzen. Menschen, die nicht gut tun, werden von Betroffenen übrigens genau charakterisiert:

Sie können nicht zuhören, sondern reden auf die Betroffenen ein, sie geben „gute“ Ratschläge und „psychologisieren“ bzw. „analysieren“, wirken dadurch besserwisserisch. Ihre eigene Unsicherheit, ihr Unwissen oder fehlende Worte überbrücken sie meist durch so genannte „Killerphrasen“, wie „Das wird schon wieder!“ oder „Du hast ja noch andere Kinder!“, „Du bist ja noch jung!“, „Wer weiß, was ihm durch seinen Tod noch erspart geblieben ist …“ etc. Killerphrasen sind Phrasen, denen jegliches Einfühlungsvermögen fehlt, die an der Oberfläche bleiben und Betroffene sehr verletzen.

 

Quellen:

Mitscherlich, M./ Schmidt-Degenhard, M.: Trauer ist der halbe Trost. Margarete Mitscherlich im Gespräch mit Meinhard Schmidt-Degenhard. Pendo-Verlag 1995.

Flieder, M./ Jansen, H.-P.: Praxishandbuch Palliativpflege und Schmerzmanagement. Feber 2012.

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