62% der Österreicher sind für aktive Sterbehilfe
Graz, am 17. Februar 2010: Die Einstellung der österreichischen Bevölkerung zu Fragen der
Euthanasie (Sterbehilfe) wurde bislang nur durch sehr einfache Erhebungen ermittelt, welche
genauere Unterscheidungen, z.B. zwischen passiver und aktiver Sterbehilfe, nur unzureichend
zulassen.
In einer am Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Med Uni Graz
durchgeführten Studie wurden an einer repräsentativen Stichprobe der österreichischen
Bevölkerung die Akzeptanz von passiver Sterbehilfe sowie die Einstellung zur aktiven Sterbehilfe
erhoben. Dabei zeigte sich, dass die Zustimmung zu aktiver Sterbehilfe bei den Österreichern
zunimmt.
Unter passiver Sterbehilfe versteht man einen vom Patienten selbst verlangten Abbruch einer
medizinisch noch möglichen lebensverlängernden Behandlung bei unheilbarer Krankheit oder
schwerem Leiden. Aktive Sterbehilfe bezeichnet die Möglichkeit, dass unheilbar Kranken und
schwer leidenden Menschen der Wunsch zum Sterben erfüllt wird, indem ein Mittel verabreicht
wird, das ihren Tod herbeiführt.
Tausend Österreicher interviewt
Für die vorliegende Studie wurden 1.000 Österreicher telefonisch zur Sterbehilfe befragt. Es
handelte sich um eine repräsentative Zufallsstichprobe der österreichischen Bevölkerung ab 16
Jahren. Gefragt wurde zuerst nach der Akzeptanz von passiver Sterbehilfe. Im Anschluss nach
der Einstellung zur aktiven Sterbehilfe, wobei das Vorliegen von Schmerzen in dieser
Fragestellung nicht als Bedingung angeführt wurde. Eine zweite Frage zur aktiven Sterbehilfe
wurde mittels eines konkreten Fallbeispiels gestellt.
62% der Österreicher sind für aktive Sterbehilfe
Die Ergebnisse der Fragestellung zur passiven Sterbehilfe: 78% der Österreicher sind dafür,
13% dagegen und 9% unentschieden. Männer sind mit 81% pro-Stimmen tendenziell etwas
stärker dafür als Frauen (75% dafür).
Die aktive Sterbehilfe befürworten 62% der Österreichischen Bevölkerung, 30% sind dagegen
und 8% unentschieden. Männer antworteten mit 66% pro-Stimmen etwas öfter für aktive
Sterbehilfe als Frauen mit 58,5%. Dies entspricht einer Zunahme von ca. 13%, denn bei
vergleichbaren Befragungen des IMAS-Instituts (Institut für Markt- Sozialanalysen Ges.m.b.H.)
in den Jahren 2000 und 2006 sprachen sich erst 49% für aktive Sterbehilfe und ca. 25%
dagegen aus.
Diese Ergebnisse spiegeln die prinzipielle Einstellung der Bevölkerung zur Sterbehilfe wider,
jedoch bedeutet dies nicht die Forderung nach einer Regelung, wie sie z.B. in den Niederlanden
angewandt wird.
In einem Fallbeispiel zur aktiven Sterbehilfe mit einem alten sterbenskranken Patienten, der
unter starken Schmerzen leidet, sind 58% der Befragten dafür, dass ein Arzt auf Wunsch des
Patienten sein Leben mit einer tödlichen Spritze beendet. Untersuchungen haben gezeigt, dass
bei charakteristischen Fallbeispielen weniger Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe angegeben
wird als bei einer abstrakten Fragestellung, die eine allgemeine Regel beschreibt.
Ergebnisse stützen die Hypothese, dass die Einstellung zur Sterbehilfe überwiegend durch
weltanschauliche Überzeugungen geprägt wird.
Hinsichtlich Alter, Einkommen und Wohnort zeigen sich keine deutlichen Unterschiede in den
Einstellungen. Bei jüngeren Menschen findet sich leicht höhere Zustimmung als bei älteren.
Menschen mit Erfahrung in der Pflege schwer kranker Menschen lehnen aktive Sterbehilfe öfter
ab als Personen, die keine Erfahrung angeben.
Der Faktor, welcher am stärksten mit den Einstellungen zur Sterbehilfe im Zusammenhang
stand, betraf die weltanschauliche Positionierung zwischen konservativ und liberal. Personen,
die sich als liberal bezeichnen, sind mit 68% pro- und 25% kontra-Stimmen deutlich stärker für
die aktive Sterbehilfe als Personen mit konservativer Selbsteinschätzung, die nur zu 54% pro
aber zu 38% kontra eingestellt sind. Bei der passiven Sterbehilfe zeigen sich vergleichbare
Unterschiede: 83% dafür bei den liberalen gegenüber 71% pro bei den konservativen
Personen. „Besonders die mit einer liberalen Weltsicht verbundene Betonung der Freiheit und
Selbstverantwortung des Einzelnen - wie sie in den letzten Jahrzehnten massiv an Bedeutung
gewann - dürfte für die zunehmende Akzeptanz eine entscheidende Rolle spielen. Die
Betonung eines „autonomen Subjekts“, das unabhängig von der jeweiligen Lebenssituation frei
für sich das Richtige wählen kann, ist aber eine wirklichkeitsfremde Idealisierung, die gerade auf
Schwerkranke kaum zutrifft. In Zeiten knapper Ressourcen könnte eine Legalisierung letztlich
dazu führen, dass nur Wohlhabenden die freie Wahl zwischen kostenintensiver Palliativmedizin
und Sterbehilfe offensteht“, interpretieren die Studienautoren Univ.-Prof. Dr. Willibald
Stronegger und Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Freidl die Ergebnisse kritisch.
Weitere Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Willibald Stronegger
Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie
eMail:
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Tel: +43 316 380 4394
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Freidl
Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie
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Tel: +43 316 380 4397





