Wir verwenden Toilettenpapier, um mit unserem Stuhlgang möglichst nicht in Berührung zu kommen. Zwar ekelt uns im Normalfall unser eigener Anal- und Urogenitalbereich nicht, dennoch sind diese Bereiche, weil sie Öffnungen für Ausscheidungen sind, jene Körperzonen, die wir als „schmutzig“ empfinden und deshalb auch tunlichst verbergen. Eigenes Sputum und Nasensekret ekeln uns nicht, wir haben es selbst in Mund, Nase und Rachen. Sobald Sputum oder Nasensekret aber außerhalb des Körpers gelangen, verspüren wir Ekel und zwar umso mehr, je länger sich diese Sekrete außerhalb unserer selbst befinden. Wenn wir in ein Glas spucken und unsere eigene Spucke wieder austrinken sollen, grausen wir uns davor – und zwar sehr. Wer isst gerne Ohrenschmalz? In der Regel ekelt einen der Geschmack von Ohrenschmalz – auch wenn es das eigene ist.
Die Substanzen unseres Körpers ekeln uns vor allem von dem Zeitpunkt an, an dem sie ausgeschieden oder abgeworfen sind. Je „älter“ eine ausgeschiedene Substanz ist, desto ekelerregender ist sie für uns. Je unsympathischer uns eine Person ist, desto mehr ekeln uns aber deren Ausscheidungsorgane in der Regel, von den Ausscheidungen selbst ganz zu schweigen. Interessant ist, dass diese Körperstellen auch gleichzeitig unsere Intimzonen sind und dass auch das Ausscheiden der jeweiligen Ausscheidungsprodukte ein sehr intimer Vorgang ist. Intimzonen, Ausscheidung und Ausscheidungsprodukte sind aber auch äußerst schambesetzt. Insofern kann man sagen, dass Ekel und Körperscham zwei Affekte sind, die eng miteinander verknüpft sind.
Defäktieren und Urinieren, das Wechseln von Tampons und Binden sind Vorgänge und Tätigkeiten, die an einem geheimen Ort, an einem „Ab-Ort“ fern von der Öffentlichkeit stattfinden, dort, wo man allein ist mit sich selbst. Liegt man beispielsweise im Spital mit noch einem Zimmergenossen und ist gezwungen in Schüssel oder Urinflasche zu urinieren, bedeutet das für viele schon eine große Überwindung. Stuhlgang in eine Bettpfanne zu verrichten, ist für die meisten Menschen äußerst peinlich. Es ist beschämend, wenn jemand im Zimmer ist und weiß, dass man auf der Schüssel sitzt; eventuelle Blähungen in dieser Situation sind daher sehr unangenehm. Es ist uns auch sehr unangenehm, wenn wir in der Öffentlichkeit erbrechen müssen. Man bohrt auch nicht vor anderen in Ohren und Nasenlöchern herum und wenn wir uns selbst einmal erwischen, wie wir im Autobus gedankenverloren Nase bohren, ist uns das peinlich. Ohren, Nase und Mund sind zwar nicht in gleicher Weise schambesetzt wie After und Genitalbereich, wir bekleiden und verstecken sie auch nicht. Wenn uns ein Fremder aber in eine dieser Öffnungen greift, ist uns das sehr unangenehm. In medizinischen Untersuchungssituationen sind wir es mittlerweile gewohnt, unsere Schamgefühle zu einem größeren Teil zu regulieren oder abzuwehren, wenn auch nicht ganz. Unser „lockerer“ Umgang mit Schamgefühlen bei Arztbesuchen ist historisch gesehen aber sehr jung und es gibt viele Kulturen, die Schamgefühle in medizinischen Situationen kaum oder weniger abwehren. Für Berufsgruppen, die mit Körpern arbeiten sind umgekehrt viele Situationen ekelbesetzt und es sind Strategien nötig, um diese Gefühle während der Arbeit unter Kontrolle zu halten. Denn wenn Ekel oder Scham zu stark werden, wird professionelles Arbeiten unmöglich.
Distanzschaffende Manöver
Wenn wir uns vor etwas stark ekeln, z.B. wenn wir mit Erbrochenem in Berührung kommen, beginnen wir automatisch zu würgen: Auf Erbrochenes reagieren wir also unsererseits mit Brechreiz oder Würgen. Dieser physiologische und damit absolut gesunde Reflex wird im verlängerten Rückenmark, der Medulla oblongata, durch das Brechzentrum verursacht und wird von der Zusammenziehung der Gaumen- und Rachenmuskulatur, von einer leicht erhöhten Kopfdurchblutung, von einer erhöhten Speichelsekretion und oft der Wahrnehmung eines schlechten Geschmacks begleitet. Auch funktionelle Herzfrequenzveränderungen konnten gemessen werden. Das verlängerte Rückenmark als Teil des vegetativen Nervensystems entzieht sich weitgehend der Beeinflussung durch die Vernunft. Das erklärt, warum wir in Situationen, in denen starke Ekelgefühle Würge- und Brechreiz auslösen, diese kaum unterdrücken können, dass wir unmittelbar in Distanz gehen, so dass keine Zeit zur Reflexion bleibt. Der Brechreflex hat die physiologische Aufgabe Gift- und Schadstoffe wieder aus dem Magen auszustoßen, bevor größere Mengen dieser toxischen Substanzen im Dünndarm aufgenommen werden. Starker Ekel, welcher Würge- und Brechreiz verursacht, ist zwar lästig und unangenehm, dient uns aber als Selbstschutz. Wir distanzieren uns dadurch instinktiv von infektiösen und giftigen Substanzen und versuchen so mit den gefährlichen Substanzen gar nicht erst in Berührung zu kommen. Gebunden an den Geschmacks- und Geruchssinn, ist uns die Fähigkeit zum Ekel als Schutzfaktor angeboren. Darüber hinaus gibt es beim menschlichen Ekel auch erlernte Anteile. Der Ekel der Europäer vor der Insektenküche ist beispielsweise ein kulturell sozialisiertes also "erlerntes" Phänomen.
Die Ekelschranken sind natürlich nicht bei allen Menschen gleich ausgeprägt: Nicht jeder ekelt sich vor den unterschiedlichen Ekel erregenden Substanzen in gleicher Weise, auch haben sich die kulturellen Ekelcodes im Laufe der Jahrhunderte verändert. Dennoch gibt es sogenannte „universelle Ekel-Objekte": Substanzen, die keine Funktion mehr haben, schlecht riechen und/oder schlecht schmecken und zudem toxisch und/oder infektiös sind oder werden, lösen seit je her bei allen Menschen in allen Kulturen Ekel aus. Universelle Ekelobjekte sind Abfälle, Ausscheidungen, Sekrete, Auswürfe, Verfaulendes und Verwesendes. Von der Konsistenz her sind universelle Ekelobjekte breiig, schleimig, schlüpfrig und klebrig. Grünlich, Bräunlich, Rötlich, Gelblich sind ihre typischen Farben.
Auch wenn Scham und Ekel äußerst unangenehme Gefühle sind – sie haben eine wichtige Funktion: Sie zeigen uns Grenzbereiche an, die an sich nicht überschritten werden dürfen. Ekel und Scham wirken auf uns wie Stopp-Schilder oder Wächter: Ekel schützt vor infektiösem Material, hindert uns aber auch daran, Intimzonen anderer Menschen zu berühren; damit werden die Grenzbereiche anderer Menschen geschützt. Scham hingegen schützt uns davor, unsere eigenen Intimbereiche zur Schau zu stellen, schützt uns vor Übergriffen und unsere Umwelt vor dem Ekel. Weil Scham und Ekel sehr unangenehme Gefühle sind, ist in der Literatur meist das Negative an ihnen betrachtet und beschrieben worden. Vor allem in der psychoanalytischen Literatur gibt es die Tendenz, Schamphänomene primär als krankhaft zu werten, die positiven Schutzfunktionen werden dabei häufig übersehen oder vernachlässigt. In meinen beiden neuen Publikationen zu den Phänomenen "Körperscham und Ekel" will ich besonders das Positive an den beiden Emotionen hervorheben und Wege aufzeigen, wie Berufsgruppen, die mit dem menschlichen Körper arbeiten auch mit diesen schwierigen Gefühlen auf gesunde Art und Weise leben und arbeiten können.
Neue Publikationen:
- Pernlochner-Kügler, Christine: Umgang mit Ekel- und Schamgefühlen bei der Arbeit mit Körpern. In: Daniel Wyler (Hrsg.): Sterben und Tod. Eine interprofessionelle Auseinandersetzung. Zürich (CAREUM) 2009.
- Pernlochner-Kügler, Christine: Gefühlsmanagement: Konstruktiv arbeiten mit und trotz Ekel- und Schamgefühlen. In: Praxishandbuch Palliativpflege und Schmerzmanagement, Bd. 1, Kap. 5.13. Merching (Forum Gesundheitsmedien) 2010.





